GIDEON RUBIN, Kunsthandwerker für gesichtslose Erinnerungen

GIDEON RUBIN, Kunsthandwerker für gesichtslose Erinnerungen

Gideon Rubin ist ein zeitgenössischer israelischer Künstler und ein aufgehender Stern der internationalen Kunstszene.

In seinen Arbeiten geht es um die Erinnerung an etwas, das an einem Punkt der Vergänglichkeit ist. Unscharfe Details und verwischte Gesichtsmerkmalen der Menschen laden den Betrachter ein, diese fehlenden Details durch ganz eigene Erinnerungen zu ersetzen. Diese Art von Dialog schafft eine sehr persönliche Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter und ruft ein Gefühl der Nostalgie und Intimität hervor.

Hatte die Tatsache, dass du der Enkel des berühmten israelischen Malers Reuven Rubin bist, Einfluss auf deine Entscheidung, Maler zu werden?

Wenn ich zurückschaue, war das wohl so, aber es brauchte eine sehr lange Zeit, bis es sich herauskristallisierte.

Ich war 22 Jahre alt, als ich mit dem Malen begann und wenn man mich davor gefragt hätte, was die unwahrscheinlichste Karriere für mich wäre, hätte Kunstmaler sicher ganz oben auf der Liste gestanden, genau wegen meinem Großvater und dem Platz, den er im Kanon der israelischen Kunst einnimmt. Das Ansehen seiner Bilder war für mich jahrelang wegen seines Ruhmes im Land ein vergifteter Akt.

„Es war eben nicht eine Blume, ein Haus oder ein Portrait, es war zuerst ein Rubin.“

Als ich mich am Ende doch für die Karriere eines Malers entschied, führte genau das zu der Entscheidung, dass ich niemals zu Hause malte. Erst dann entdeckte ich viele seiner Arbeiten, seiner Befindlichkeiten, den Farbauftrag, Tonalität und wieviel davon eigentlich auch in meiner DNA war.

Am 11.September 2001 warst du in New York. Hatte diese Erfahrung Einfluß auf deine Arbeit?

Es hat mein Leben verändert, also veränderte es auch meine Arbeit. Vor 9/11 malte ich aus der Beobachtung heraus und konzentrierte mich auf Ganzkörper-Selbstportraits, für die ich Monate brauchte.

Als ich mit dem ersten möglichen Flieger von New York zurück nach London flog, fühlte ich mich, als wäre ich der Hölle entronnen. Ich war so glücklich, in London zu landen. Ich wollte die Erde küssen, aber ich konnte nicht mehr so malen, wie vorher. Ich konnte mich nicht mehr im Spiegel ansehen, also begann ich, diese kleinen Stillleben zu malen.

Anstelle eines Portraits in drei Monaten, malte ich nun drei Bilder am Tag. Es fühlte sich an, als würde ich eine große Last abladen. Als Künstler haben wir Glück, dass wir die Misere um uns herum in unseren Werken verarbeiten können.

Du bist so eine Art “Kunsthandwerker für Erinnerungen” und jedes deiner Bilder hat dieses Detail an unvollständigen oder gesichtslosen Menschen. Was ist der Grund dafür oder die Absicht dahinter?

Mehr als alles andere ist es ein Werkzeug der Abstraktion. Ich nehme das, was ich sehe, auseinander und dirigiere es an die Oberfläche des Bildes. Vereinfache es.

Als ich aufwuchs, war ich von den kleinen Figuren in den Landschaftsbildern meines Großvaters fasziniert. Einfach kleine Farbtupfer, die ein Gesicht, Körperteil oder Körper darstellten. In meinen Arbeiten versuche ich eine Balance herzustellen, zwischen dem Generellen und dem Besonderen, zwischen der Öffentlichkeit und dem Individuum. Das fasziniert mich.

Das Weglassen der Gesichter war noch mal etwas anderes. Als ich altes Spielzeug malte, reagierte ich auf Puppengesichter, die nach den vielen Jahren des Spielens verschwunden waren. Als sich meine Arbeit dann wieder auf Portraits verlagerte, merkte ich schnell, dass ich auch ohne Gesichter das beschreiben kann, was ich meine.

„Ich war und bin noch immer fasziniert davon, wie viele Informationen wir voneinander sammeln können, die sich außerhalb des Gesichtes befinden.“

Unsere Eigenheiten, Stil, wie wir uns kleiden, gehen etc. Wir ‚lesen‘ einander und jedes menschliche Portrait zuerst dem Gesicht nach, dann erst kommt alles andere. Mich interessiert die Umkehrung dieses Prozesses, zuerst kommt alles andere und dann lässt man eine Öffnung, ein Fragezeichen, eine nicht erzählte Geschichte. Für mich ist das ‚Ausradieren‘ so wichtig und positiv wie eine Markierung.

Wenn du an deinen Werken arbeitest, wie empfindest du Zeit in diesen kreativen und intensiven Momenten?

Es ist schwer, diese Momente in Worte zu fassen, besonders, wenn Worte nicht dein Ding sind und man nicht kitschig klingen will.

Aber wenn ich muss, kann ich sagen, dass ich nicht nach diesen Momenten suche. Einfach arbeiten, arbeiten. Wenn sie kommen, dann ist es großartig: man ist in Aktion und es gibt nichts anderes. Aber sobald man darüber nachdenkt oder bemerkt, dass man in dem Moment ‚drin‘ ist oder war, ist er verschwunden.

Gibt es einen Autoren, Künstler, Musiker, der deine Wahrnehmung von Kunst verändert hat oder dein Schaffen sehr beeinflusste?

Velasquez, Goya, Rembrandt, Chardin, Soutine, Guston, Manet, Bacon, Freud, Morandi, Alys, Richter, Rotheko, Matisse, Picasso, Diebenkorn, Hemingway, Kerouac, Camus, David Grossman, Primo Levy, Leonard Cohen, Bowie, Dylan, Allen, Tarantino, Almodovar, Nina Simone, da kann ich noch viele aufzählen…

Was fühlst du, wenn eins deiner Bilder fertig ist und du es ansiehst?

Enttäuschung, als ob ich es hätte besser machen können. Manchmal stimmt es, zum Glück auch manchmal nicht.

Gibt es ein Zitat oder einen Spruch, der dich im Leben begleitet?

“Inspiration existiert, aber sie muss dich bei der Arbeit finden.” (Pablo Picasso)

„Ein Intellektueller drück etwas Einfaches kompliziert aus. Ein Künstler drückt etwas Kompliziertes einfach aus.“(Charles Bukowski)

Arbeitest du mit Musik? Wer ist dein Lieblingsmusiker, den du im Moment im Studio hörst?

Das ändert sich ständig. Im Moment höre ich ein bisschen Soul von Erica Badu, Lauren Hill und meinen üblichen alten Jazz von Nina Simone, Coltrane, Miles Davis, auch ein bisschen Bowie und Leonard Cohen. Zur letzten Zeit höre ich auch mehr klassische Musik. Piano, viel Piano…

Gibt es bald eine Ausstellung von dir?

Dieses Jahr nehme ich an der Jerusalem-Biennale im September teil und ich habe eine Solo-Ausstellung im Mai in Zypern und im Dezember eine in Tel Aviv.

Nächstes Jahr wird es sehr geschäftig: eine Einzelausstellung im Freud Museum hier in London und danach eine in San Francisco und meine erste in Korea.

Erst kürzlich wurdest du vom Museum für Zeitgenössische Kunst Chengdu in China zu einer Gruppenausstellung eingeladen, die unter dem Titel “Die Erinnerungen dauern nur bis heute Morgen“. Diese Einladung machte es dir auch möglich, die Provinz Xinjiang zu besuchen, die Heimat der Uyghur, eine hauptsächlich muslimische ethnische Minderheit. Was war das für eine Erfahrung?

Das war etwas Bemerkenswertes, eine einmalige Erfahrung. Ich hatte besonderes Interesse daran, weil meine Frau in Xinjiang geboren wurde, in Korla und ich hatte schon viel vom Turkvolk gehört. Sie erzählte mir, dass die Menschen dort eher israelisch als chinesisch aussehen und dass ich das Essen mögen würde.

„Sie hatte in vieler Hinsicht recht und ich konnte einige Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen in Uyghur und denen im mittleren Osten finden.“

Es war eine ganz andere Erfahrung als im restlichen China, hauptsächlich wegen den strengen Sicherheitsbestimmungen, die aus den politischen Unruhen herrühren. Das bescherte mir ein unruhiges Gefühl, wie ich zugeben muss, aber dieses riesige Gebiet hat so viel zu bieten, eine einmalige Geschichte an der Seidenstraße, die wegen des trockenen Wetters unheimlich gut erhalten ist und auch die hohen schneebedeckten Berge sind wunderschön und erinnern an die Schweizer Alpen.

Es gibt belebte Märkte, voll mit Gewürzen und wunderschönem Kunsthandwerk. Und all die hübschen eingehüllten Frauen. Es scheint alles in eine andere und magische Zeit zu gehören.

Was fällt dir zum Stichwort Iran ein?

Generell denke ich immer daran, wie gerne ich mit Iranern zusammentreffe seit ich nach NY und dann London zog. Ich finde so viele Gemeinsamkeiten und vieles, was ich mag. Als erstes denke ich an Essen und Film. A Seperation und About Elly…

Ich finde auch, dass es eine Schande ist, dass ich das Land nicht besuchen kann.

Ich sehe die Treffpunkte, den Dialog, die Kunst.

Kredit:
Portrait von Gideon Rubin: Shira Klasmer
Alle anderen Fotos: Richard Ivy
Bilder:
– „Der Junge“, 56x51cm, Öl auf Leinwand, 2011
– „ohne Titel“, 66x71cm, Öl auf Leinwand, 2012
– „Der Teich“, 200x150cm, Öl auf Leinwand, 2016
– „Klassenfoto von 1947 (Abschlußklasse)“, 12 Bilder je 25x20cm, Öl auf Leinwand, 2012
– „Die gelbe Augenbinde“, 107x102cm, Öl auf Leinwand, 2015
– „Polizisten“, 35.5×30.5cm, Öl auf Leinwand, 2015
– „ohne Titel“, 26x19cm, Gouache auf Papier, 2015
– „Sonnenuntergang“, 150x200cm, Öl auf Leinwand, 2016
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Ulrike Goldenblatt
http://www.gideonrubin.com/

Share this post