AMIN MONTAZERI, Märchen und Mythen der Melancholie

AMIN MONTAZERI,
Märchen und Mythen der Melancholie

Die iranische Kunstszene hat außerordentliche Künstler, die einen Weg finden, ihr üppiges persisches Kulturerbe mit moderner westlicher Kunst zu verknüpfen. Amin Montazeri ist definitiv einer dieser neuen Talente, den wir weiter im Auge behalten sollten.

Als ich die Arbeiten des jungen Künstlers aus Teheran entdeckte, war ich von der mysteriösen, umfangreichen und apokalyptischen Atmosphäre seiner Bilder beeindruckt. Sie berührten mich mit ihrer Melancholie. Seine Arbeiten sind so intensiv und obskur wie die von Pieter Brueghel oder Hieronymus Bosch.

Amin Montazeris Haupt-Thema ist Geschichte und die Rolle der Märchen, Legenden und Mythen in der Geschichte. Jeder trifft in seinem Leben auf diese Märchen, aber manchmal versuchen die Menschen, vor ihrem Schicksal zu fliehen, ändern es und schreiben die Geschichte neu. Was sind die Konsequenzen und was für ein Märchen entsteht aus so einer Änderung?

Er hinterfragt in seinen Arbeiten auch die Wiederholung der Geschichte, die aus der zu beobachtenden Vergesslichkeit der Menschen herrührt, sogar wenn es sich dabei um schmerzvolle und furchtbare Erfahrungen handelt.

Amin Montazeri wurde 1992 geboren und macht gerade seinen MA in Malerei am College für Bildende Künste in Teheran. Seine nächste Ausstellung findet im Oktober in der Dastan Galerie in Teheran statt und vielleicht ist er auch bei der Art Dubai in diesem Jahr dabei.

Credits:
All works by Amin Montazeri
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Ulrike Goldenblatt
http://www.instagram.com/aminmontazery/

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SILIA KA TUNG, Phantasie ist die Realität der inneren Welt

SILIA KA TUNG, Phantasie ist die Realität der inneren Welt

Silia Ka Tung ist eine chinesische zeitgenössische Künstlerin, die in London lebt. Ihre Arbeiten gleichen einem psychodelischen Ballett organischer Formen in satten Farben, die mit mysteriösen Figuren aus der antiken Mythologie zu tanzen scheinen. Die Mischung dieses modernen Traumlandes und die Einflüsse der Kultur und Tradition Chinas machen Silia Ka Tungs Arbeiten so hypnotisch und einzigartig.

Was beeinflusste deine Entscheidung, Künstlerin zu werden?

Mein Großvater mütterlicherseits war ein etablierter Traditionsmaler in China, also lag es schon in der Familie.

Ich wollte eigentlich Designerin werden. Als ich nach der Oberschule zu einem Interview an die Design-Schule ging, sagte man mir, ich solle Kunst studieren, wenn meine Eltern mich dabei unterstützen. Das war das erste Mal, dass ich darüber nachdachte.

Dann hast du Ölmalerei an der chinesischen Akademie für Bildende Künste in HangZhou studiert und danach einen Masters an der renommierten Slade School of Fine Arts in London absolviert. Unterscheidet sich die Art des Unterrichtens in China von der in England?

Ich lernte ein Jahr in der Kunstschule in China, nachdem ich am Chelsea College für Kunst in London akzeptiert wurde, weil mein Vater der Meinung war, dass ich vorher noch etwas „chinesische Kultur“ lernen sollte. Deswegen besuchte ich einen Grundkurs für Kunst in China bevor ich für meinen BA nach London ging.

„Der Unterrichtsstil in China unterscheidet sich sehr von dem in England. In China musste ich jeden Tag malen und der Unterricht war sehr akademisch. Man lernt alles in Gruppen, der Lehrer kommt und korrigiert deine Fehler und sagt dir, was du tun musst.“

Die Kunstschule in London war freier und hat Spaß gemacht. Der Unterrichtsstil ist sehr zwanglos und inspirierend, aber man war die meiste Zeit auf sich selbst gestellt.

Du hast dich in deiner Kunst sehr weiterentwickelt. Deine früheren Werke waren meistens schwarz-weiße Linienzeichnungen, doch dann haben sich die figürlichen Linien aufgelöst und wurden zu diesem wunderschönen Ballett aus Farben, abstrakten organischen Formen, die die ganze Leinwand bedecken.

Bei deinen letzten Arbeiten hast du von der Malerei zum Experimentieren mit Materialien gewechselt und machst jetzt weiche Skulpturen von Phantasie-Tieren und organischen Formen wie Äste von Bäumen. Warum hast du gewechselt?

„Zeichnen oder Doodling ist immer Teil meines Lebens… Das mache ich automatisch, sobald ich einen Stift in der Hand halte.”

Für meinen BA-Abschlussarbeit am Chelsea College entschied ich mich, eine kleine Zeichnung zu etwas Großem weiterzuentwickeln, und diese lebensgroßen Portraits, gefüllt mit Zeichnungen, begleiteten mich bis ins zweite Jahr meines Masterstudiengangs am Slate College. Aber dann wollte ich etwas anderes ausprobieren. Ich wollte „Game Paintings“ machen. Farbenfrohe, satte Malerei direkt auf die Leinwand aufgebracht, wie beim automatischen Zeichnen.

Malen ist für mich wie ein Spiel, mit Chancen und Spaß und ich male immer um die Ecken herum. Also fühlte ich mich langsam hingezogen, Objekte zu bemalen. Ich begann, weiche Skulpturen zu machen und sie anzumalen. Da bin ich jetzt angekommen.

Hat Mutterschaft deine Arbeit und deine Inspirationen verändert?

Muttersein ist für mich als Künstlerin schwer, weil man seine Prioritäten verändert und auch die Balance. So gerne ich auch mit meinen zwei Töchtern zusammen bin, ich tue mich schwer als Künstlerin. Aber die Zeit hilft und langsam bekommt man die Balance wieder und hoffentlich hat das Muttersein dann einen positiven Einfluss auf meine Arbeiten.

Gibt es ein Zitat, an das du bei deiner Arbeit denkst?

„Unsere innere Welt ist Realität, und das vielleicht mehr als unsere Außenwelt. ”

Marc Chagall

Wenn du an einem neuen Kunstwerk arbeitest, zeigst du deinem Künstler-Ehemann Gideon Rubin deine halbfertigen Arbeiten oder bleibst du lieber in deiner eigenen kreativen Blase?

Wir teilen ein Studio, deswegen zeigen wir einander oft, woran wir arbeiten, besonders wenn meine Arbeiten so lange brauchen. Ich zeige sie ihm hauptsächlich, um seine Meinung zu hören, egal ob das Werk fertig ist oder nicht.

Arbeitest du an einer neuen Ausstellung?

Ich beende ein paar Arbeiten für eine Gruppenausstellung in Amsterdam namens “Vater, Mutter, Tochter, Sohn“, die von Mette Samkalden bei Canvas Contemporary kuratiert wird. Die Ausstellung eröffnet am 14. Januar 2017 und dauert bis Mitte Februar.

Was assoziierst du mit Iran?

Ich war noch nie im Iran, also habe ich alles, was ich über das Land weiß, von Freunden gehört, in Filmen gesehen, Nachrichten, Instagram. Ja, ich habe auf Instagram ein paar Mal den Hashtag Iran verwendet und bin dadurch zu sehr merkwürdigen Orten gekommen. Es ist ein großes Land, reich an Kultur und Geschichte, wunderschön und mysteriös. Ich fände es schön, es mal zu besuchen.

Kredit:
Alle Arbeiten von Silia Ka Tung
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Ulrike Goldenblatt
http://www.siliakatung.com/

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SLAVS AND TATARS, Eine neue Vision Eurasischer Kunst

SLAVS AND TATARS, Eine neue Vision Eurasischer Kunst

Slavs and Tatars ist eine Kunstkollektive, die vom polnisch-iranischen Duo Kasia und Payam gegründet wurde. Die beiden widmen ihre Arbeiten einem Gebiet östlich der Berliner Mauer und westlich der großen chinesischen Mauer.

Anahita’s Eye folgt seit langem den Arbeiten des Duos und hatte die Chance, die beiden zu interviewen, als sie ihre Ausstellung „Afteur Pasteur“ in der Tanya Bonakdar Galerie in New York vorbereiteten.

Warum habt ihr den Namen ‚Slavs and Tatars‘ (Slawen und Tatare) gewählt? Und warum die Zuneigung zu einem Gebiet „östlich der ehemaligen Berliner Mauer und westlich der großen chinesischer Mauer“?

Normalerweise wird ein Name für das gewählt, was man repräsentiert und wen man darstellen will. Wir haben uns für ‚Slavs and Tatars‘ aus dem entgegengesetzten Grund entschieden. Unser Name ist ein Mission Statement: wir wollen uns einer Gegend zuwenden, die gleichzeitig politisch und imaginär ist, aber auch durch die „Ritzen unsere Amnesie-Dielen“ rutscht und in somit in Vergessenheit gerät.

„Dieses Gebiet ist hauptsächlich muslimisch aber nicht mittel-östlich, man spricht viel Russisch, aber es ist nicht Russland, und obwohl große Teile in Asien liegen, gehörte nur ein kleiner Teil (Xinjiang) historisch zu China.“

Es gibt natürlich auch ein humoristisches Element hier. Wir haben Slavs and Tatars 2006 gegründet, kurz nachdem die neuen Mitgliedsstaaten 2004 in die EU aufgenommen wurden. Zur Erinnerung, es gab ziemlich viele Vorurteile gegen und fast schon Hysterie über dieses „andere“ Europa, also die osteuropäischen Staaten, die dem „exklusiven Club“ der restlichen Europäer beitreten sollten. Es gab den berühmten polnischen Installateur, den bulgarischen Bauarbeiter etc… Der Name ‚Slavs and Tatars‘ spielt mit dieser Angst – im zeitgenössischen und historischen Sinne – als ob es Horden gab, die da warteten, um zu vergewaltigen und zu plündern wie bei Braveheart.

Unser Name ‘Slavs and Tatars‘ ist keine Identität, im Gegenteil, er markiert den Kollaps der Identitäten. Sogar zwischen ‚Slawen‘ und ‚Tartaren‘ gibt es eine ganze Geschichte an Konfluenz und Spannung. Nur durch die Ansammlung verschiedener Identitäten – und dem Ausgleichen der Spannungen zwischen ihnen – kann man beginnen, sich über die reduzierende und brüchige Identitätspolitik hinwegzusetzen, die uns bis heute plagt.

Kannst du etwas zu eurem kreativen Prozess sagen? Was sind eure Inspirationen? Warum habt ihr euch am Ende für Skulpturen als Hauptausdrucksmittel entschieden?

Skulpturen, Installationen und Ausstellungen sind nur ein Teil und stehen nicht unbedingt im Vordergrund. Wir halten auch Vorträge, machen Performances und publizieren.

Zurzeit halten wir 2-3 Vorträge im Monat an verschiedenen Orten, von Universitäten bis zu Kunst-Institutionen. Normalerweise haben wir einen dreijährigen Zyklus. Die ersten beiden Jahre sind der Forschung eines Themas gewidmet: zuerst kommt die bibliographische Forschung, z.Bsp. Türkische Sprachpolitik oder das mittelalterliche Genre der politischen Ratgeberliteratur, die man auch als „Spiegel der Prinzen“ kennt. Dann folgt die Feldforschung, z.Bsp. in Xinjiang, um die Ideen praktisch auszuloten, die wir analytische bearbeitet haben. Dann kommt die entscheidende Frage:

„Was bringen wir als Künstler auf den Tisch, das sich von der Arbeit der anderen, Politiker, Forschern und Aktivisten etc. unterscheidet?“

Die Übertragung dieser Forschungsarbeiten in die Kunst ist vielleicht das Schwierigste von allem. Am Anfang haben wir ausschließlich mit Drucken gearbeitet. Das heißt, wenn jemand sich mit unserer Kunst befassen wollte, musste er lesen. Es gibt wenige Sachen, die so unerfreulich oder unaufmerksam gegenüber dem Publikum sind, als etwas zum Lesen an die Wand zu hängen. Obwohl wir in der Praxis besser wurden, wir nahmen Skulpturen, Installationen und Performances dazu, sind Wände für uns nicht attraktiver geworden. Wenn wir im Zeitalter der visuellen Übersättigung leben, dann sind wir unter den (vielen) Schuldigen, die das möglich machten!

Unter den drei Achsen unserer praktischen Arbeit, sind es die Vorträge und Publikationen, in denen wir eine Reihe von Bedenken äußern, die unsere Skulpturen und Installationen Stück für Stück wieder auseinandernehmen. Das heißt nicht, dass man schweigen sollte, sondern es geht um das Rückgängig machen, um das Auftrennen dieser Ideen, wie beim losen Faden eines Strickpullovers.

Hast du ein Lieblingszitat, das dich inspiriert?

„Gib die Welt auf. Gib die nächste auf. Gib das Aufgeben auf.”

Thomas Merton

Hat jeder von euch eine definierte Rolle bei „Slavs and Tatars”?

Ja, aber wir redigieren einander rigoros.

Bei vielen eurer Installationen ladet ihr das Publikum ein, mit den Werken zu interagieren, sie anzufassen, darauf zu sitzen oder zu liegen, darüber zu diskutieren. Ist diese direkte Konfrontation und die Erfahrung, die viele Leute mit euren Kunstwerken machen, ein wichtiger Teil eures künstlerischen Konzepts?

Auf jeden Fall. Es ist auch eine Verpflichtung der Idee des Nachdenkens gegenüber, welches sich in Kunsträumen abspielt. Zu oft kann man sich im Museum nur im Café hinsetzen oder auf eine der seltenen Bänke vor einem Meisterwerk. Wenn Kunst eine transformative Rolle spielen soll, und nicht nur eine bildende oder unterhaltende, dann muss der Ort der Kunst gastfreundlicher werden.

Slavs and Tatars sprechen so viele verschiedene Sprachen: Farsi, Polnisch, Englisch, Französisch, Russisch etc. Sprache und linguistische Komplexität sind wichtige Themen in eurer Arbeit. Wo kommt das große Interesse an Sprachen her?

Übersetzung wird zur Form linguistischer Gastfreundschaft, um es mit Paul Ricoeurs Worten zu sagen. Wir laden den ANDEREN in unsere Sprache ein und verleihen uns selbst an die Sprache des ANDEREN. Wir werden in jeder Sprache zu anderen Menschen: Zum Beispiel ist unser Sinn für Humor im Französischen dem im Russischen oder Persischen überhaupt nicht ähnlich.

„Sprache erlaubt es dir, dich selbst zu “ändern”, der “andere” zu werden.”

Ist Humor eine essentielle Zutat in euren Kunstwerken?

Absolut. Humor hat immer eine sehr wichtige Rolle in unserer Arbeit gespielt, als entwaffnende Form der Kritik, als Verlängerung der Großzügigkeit, als Indikation für Infra-Politik, wie James Scott sie definiert: das versteckte Transkript, die geflüsterten Geschichten.

„Jeder Witz ist eine kleine Revolution“

sagte Orwell, mehr als die oft konfrontative sichtbare Politik des Marsches, der Nachrichten oder des Staates.

Welche Projekte können wir von euch in der Zukunft erwarten?

Im Moment bereiten wir unsere erste Show in der Tanya Bonakdar Galerie in New York vor. Darin geht es um sauergewordene Politik oder um die Neubewertung unserer Beziehung zum „Anderen“, indem wir unsere Beziehung zum Original-Fremden betrachten: die Mikrobe und Bakterie. Wir arbeiten auch an einer Retrospektive für 2017-2018 unserer Arbeiten zwischen Warschau, Vilnius und vielleicht Istanbul.

Ihr lebt sehr kosmopolitisch, eure Kunst wird auf Kunstmessen und Ausstellungen in der ganzen Welt gezeigt. Gibt es ein spezielles Objekt, das euch auf euren Reisen um die Welt begleitet?

Wir versuchen, so oft es geht, mit frischen Kräutern zu reisen – ein Bündel Estragon und Koriander – damit wir den Stress beim Essen in Zügen, Flugzeugen und Autos abmildern können.

Slavs and Tatars, was assoziiert ihr mit Iran?

Maulbeeren.

Kredit:
Alle Arbeiten von Slavs and Tatars
– Kitab Kebab, 2016 – fortlaufend
– Friendship of Nations: Polish Shi’ite Showbiz, Herausgeber: Book Works / Sharjah Art Foundation
– Mother Tongues and Father Throats, Galerie Moravian, Brünn (2012)
– Dig the Booty (2009)
– Pray Way (2012)
– Installation im Trondheim Kunstmuseum
– Links: Larry nixed, Trachea trixed (2015) rechts: Tongue Twist Her (2013)
– Lektor, Soundinstallation, Leipzig (2014-15)
– AÂ AÂ AÂ UR, Skulpturpark Köln (2015)
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Ulrike Goldenblatt
http://www.slavsandtatars.com

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