MARYAM „MIMI“ AMINI, Selbststudie

MARYAM „MIMI“ AMINI, Selbststudie

Seit ihrer Kindheit hat Mimi Amini es genossen, die Objekte um sie herum zu bemalen, ihre Form aus dem Papier zu schneiden und dann fast dreidimensionale Architekturmodelle in kleinem Maßstab zu erstellen.
Als Teenager schwänzte sie lieber die Schule und verbrachte ihren Tag im Garten neben Isfahans Art High School, die sich in einer faszinierenden Gegend in der Nähe des Zayandeh-Rood-Flusses und des archäologischen Museums befindet , und schaute den Kunststudenten zu, wie sie mit ihren Zeichenbrettern herumsaßen, arbeiteten, zeichneten und malten.

„Die Leidenschaft, eine angemessene Darstellung meiner selbst zu finden und einen Ort zu finden, an den ich hingehöre, hat meine Fantasie all die Jahre gefesselt, und ich denke, meine Wahl der Geografie und des Ortes folgt derselben Leidenschaft.“ sagt sie.

Mimi, in diesem schönen alten Haus, in dem Du im Norden Teherans lebst und arbeitest, atmet jede noch so kleine Ecke Deine kreative Energie, überall und alles ist Kunst.

Wenn ich auf meine Kindheit zurückblicke, stelle ich fest, dass wir von unseren Eltern dazu erzogen wurden, „die Besten“ und „Erfolgreichsten“ zu sein, und das war vielleicht der erste Schritt in unseren Fall. Dennoch waren die wellenförmigen Phasen meines Lebens immer von der Last des Verlierens und des Erlernens des Wiederaufstehens und Weiterfliegens geprägt.

Die Leidenschaft, eine angemessene Darstellung meiner selbst zu finden und einen Ort zu finden, zu dem ich gehöre, hat meine Fantasie all die Jahre gefesselt, und die Wahl meines Ateliers nur wenige Gehminuten von den Bergen entfernt, ist eng mit dem gleichen Sinn verbunden.

Das Gleichgewicht zwischen Natur, Raum, Körper und Geist… Wie sehr nährt Deine künstlerische Praxis diesen ständigen spirituellen Prozess in Suche auf Harmonie?

Meine Arbeitsmethode und meine Kunstwerke sind davon abgeleitet, wie ich die Welt betrachte. Ich war auf der Suche nach einem „gestalteten“ Lebensstil, der sich allmählich durch konsequente Bewegung entwickelt, um sinnvolle Verbesserungen in meinem Leben zu erreichen und Ergebnisse zu erzielen, die mit meinem Leben harmonieren.

Und immer alleine auf dieser Suche nach Harmonie?

Ich bin Malerin. In meiner Kunstpraxis habe ich mich von Anfang an auf das Selbstverständnis und das Selbstporträt und natürlich auf das Selbststudium konzentriert.

Schicht für Schicht und immer wieder wird „mein Selbst“ zum Thema meiner Arbeit.

Meine Bilder enstehen ohne vorherige Entwürfe und Skizzen, jedes zeigt ihre eigene unabhängige Welt und führte zu einer Entwicklungskette.

Und in dieser Kette an Entwicklungsetapen, was wird Deine nächste kreative Entdeckung sein?

Sowohl mein Geist als auch mein Leben haben sich in den letzten Jahren mehrfach verändert, und so brauchte ich eine neue Struktur, die oft zu frischeren Ansätzen für die Entwicklung von Erscheinung und Bedeutung in meinen Bildern führt. So interessierte ich mich mehr und mehr dafür, sie dreidimensionaler und abhängiger vom Raum zu machen, wobei der Raum als eine Art Trägermedium fungierte.
Also, ja, ich möchte das Sehen in 360 Grad üben und zwei Dimensionen in drei umwandeln und umgekehrt.

Mein Traum ist es, an einem Filmprojekt zu arbeiten, wie ein Kinoerlebnis, das in einer atmosphärischen, zeitungebundenen Dimension.

Und wie sieht für Dich so ein Augenblick aus?

Pause, und… (ein Lächeln), als sie ihren gewählten Unterschlupf erreichte, war sie erleichtert, versteckte ihren neuen Schnabel in ihren Flügeln… bewegte ihre Federn… drehte sich um… befreite sich von ihren alten Federn… richtete ihre Füße aus, sah sich um und setzte sich… ihre Augen fixierten sich auf einen Punkt und verwandelten sich in einen Blick. Sie starrt.

Dieses Interview wurde während des Lockdowns im February 2021 im Iran aufgenommen.
Kredit:
Fotos : Selbstportrait von Mimi Amini in ihrem Atelier in Teheran
Text: Ashkan Zahraei / Anahita Vessier
Übersetzung : Anahita Vessier
Maryam „Mimi“ Amini’s website

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Zeitgenössische Kunst im Iran

Zeitgenössische Kunst im Iran

Wir sind im Norden von Teheran, in Tadjrish, eines der hippen Viertel der iranischen Hauptstadt, wo sich die chice und moderne Bevölkerung der Stadt trifft, um sehen und gesehen zu werden.

Beim Aussteigen aus dem Taxi bleibe ich noch einmal stehen, und genieße die Aussicht, die ich am meisten an dieser Stadt liebe, den Anblick auf die schneebedeckten Berge des Elburs Gebirges, die so unerschütterlich auf diese Metropole wachen. Ich gehe weiter und trete in das Gebäude aus den 30 Jahren, das noch an manchen Stellen trotz seiner Patina Spuren seiner damaligen Schönheit hervorblicken lässt. Ein leichter Hauch von Nostalgie weht durch den Gang. Beim Hinaufsteigen der Stiegen bringt mich der Sound elektronischer Musik wieder zurück in die Gegenwart und führt mich bis zum Atelier der Künstlerin Maryam Mimi Amini.

Bei ihr ist alles ein einziges Kunstwerk, Ready Made oder eigene Kreationen, vom Külhschrank bis zum Fauteuil im Wohnzimmer, ohne diese breiten bunten Lederbänder zu übersehen, die überall herumliegen, die sie ausschneidet, und mit bunten Neonfarben übersprüht. Ich bin überwältigt von dieser frischen Kreativität voller erfindungsreicher Spontanität, die auch etwas Punkiges hat. Ich sehe all diese jungen Leute, Kunstliebhaber, Designer, Kuratoren im Hipster Look überall in diesem Atelier verteilt, die um Mimi umherschwirren und intensiv miteinander diskutieren. Das Lächeln dieser Künstlerin mit den funkelnden Augen voller Energie, die vor ihrem Kunstwerk steht und sich leicht zum Rhythmus des Elektrobeats bewegt, lassen mich für einen Moment vergessen, dass ich in Teheran bin. Sobald ich jedoch hinausblicke, fällt mein Blick auf Khomeini gemaltes Portrait auf der gegenüberliegenden Hausmauer. Ich zwicke mich und werde mir bewusst, dass ich doch in der Hauptstadt der islamischen Republik Iran bin…

Es ist Jänner und ich bin Teheran, um an der Teer Art Week teilzunehmen, eine Kunstwoche, die  zeitgenössischer iranischer Kunst gewidmet ist. Sie wird von Hormoz Hematian, der einflussreichen Dastan Galerie, und von Maryam Majd, der Assar Art Galerie, organisiert. Dieses Event fällt genau zum gleichen Zeitpunkt, wie Teherans größte und wichtigste Kunstauktion, die in den letzten Jahre unheimliche Erfolge erzielt und Rekordsummen verzeichnet, denn Kunst ist nun auch im Iran eine Wertanlage geworden.

Die Teer Art Week ist eine außergewöhnliche und einzigartige Erfahrung unter den internationalen Kunstmessen und -veranstaltungen : Einerseits werden Besuche der interessantesten der so zahlreichen Kunstgalerien Teherans angeboten so wie auch Begegnungen mit iranischen Künstler in ihrem Atelier. Sie bringt all diese einzigartigen iranischen Künstler zusammen, deren Werk mir sehr am Herzen liegt.

Man muss wissen, dass seit Trump im Mai 2018 die Sanktionen gegen den Iran wieder in Kraft setzten ließ, die iranische Währung extrem darunter leidet und 60% ihres Wertes eingebüßt hat, was die Inflationsrate auf 35% steigen ließ. Seitdem ist der Iran wirtschaftlich und politisch vom Rest der Welt abgeschieden, Wechselbüros sind geschlossen, Kreditkarten funktionieren nicht. Hingegen, ab genau dem gleichen Zeitpunkt, verzeichnen Kunsthändler einen Anstieg von 30% ihres Umsatzes, da Kunst in diesem Kontext ein Anlage für die Reichen des Landes geworden ist. An diesem Phänomen profitieren besonders sie schon etablierten Künstler, von denen die meisten oft nicht mehr leben.

Was aber die jungen Künstler betrifft, so sind diese eher Opfer dieser politisch-wirtschaftlichen Situation: Der drastische Anstieg der Preise trifft auch Ihre Arbeitsutensilien wie Farben, Leinwände, Pinsel, Papier, Filme, die Entwicklungskosten von Fotos, etc., die meistens aus dem Ausland importiert werden. Auch der Anstieg der Wohnungskosten zwingt sie, zu ihren Eltern zurück zu ziehen oder die Stadt zu verlassen.

“ Die iranische Kunstszene, von Underground bis Mainstream, ist zurzeit eine der aufregendsten, die alle Grenzen überschreitet. „

Jean Marc Decrop
Spezialist zeitgenössischer chinesischer Kunst und Sammler iranischer zeitgenössischer Kunst

„Die zeitgenössische Kunstszene in Iran hat sich in den vergangenen Jahren stark entwickelt. Es gibt hier eine sehr kreative Kunstszene auf internationalem Niveau. Allerdings bestehen viele Limitierungen, mit denen die Kunstschaffenden jeden Tag umgehen müssen. Viele junge, engagierte Galeristen versuchen, die Szene insgesamt voranzubringen.
Ein wichtiger nächster Schritt wäre eine stärkere Vernetzung ins Ausland, um auch über die Grenzen hinaus weitere Beachtung zu finden und der Szene neue Märkte zu erschließen.
Das ist eines der Ziele von TeerArt, und die Deutsche Botschaft unterstützt das gerne.“

Justus M. Kemper
Kulturattaché and der Deutschen Botschaft  in Teheran

„Ich bin sehr sicher, dass der Iran eines Tages das Zentrum zeitgenössischer Kunst des Mittleren Ostens werden wird. Auch wenn es Galeristen gibt, die die Aufmerksamkeit auf die zeitgenössische Kunstszene bringen will, so ist trotz allem doch noch moderne Kunst im Vordergrund. Glücklicherweise gibt es jedoch viele zeitgenössische Künstler, die eine sehr starke Szene bilden.
Die Teer Art hilft,  die Kunstsammler mehr in Richtung  zeitgenössische Kunst zu orientieren.“

Maryam „Mimi“ Amini
Zeitgenössische Künstlerin, die in Teheran lebt und arbeitet

„In den Letzten Jahren  wurden im Iran viele Kunstgalerien eröffnet, was der lokale Kunstszene irrsinnig geholfen hat, reifer zu werden, ihre Grenzen zu überschreiten  und so auch mehr und mehr ausländische Sammler und Kunstinstitutionen anzuziehen. Iran ist auf jeden Fall das nächste Zentrum zeitgenössischer Kunst.“

Arian Etebarian
Gründer der Platform iranischer Kunst www.darz.ir

Kredit:
Fotos: Anahita Vessier und Roxana Fazeli
Text: Anahita Vessier und Nada Rihani Teissier du Cros
Übersetzung: Anahita Vessier
https://teerart.com

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SEPAND DANESH, Kunst ist ein Stück Schöpfung

SEPAND DANESH, Kunst ist ein Stück Schöpfung

Hartnäckig, fast schon besessen und gierig nach Wissen, bereichert der französisch-iranische Künstler Sepand Danesh, der sich mit Leidenschaft der Malerei hingegeben hat, seine Gedankenwelt mit Literatur und Geschichte. Sépànds Faszination für den Winkel, dieses hohle Eck im Raum, das oft mit Melancholie und Nostalgie gefüllt ist, wurde zum Hauptthema seiner Bilder.

Aus seinem Drang nach Verstehen und Entdecken und seinem Interesse für das megaverbundene Netzwerk des Hubs, entstand nun auch sein neuestes Projekt unter dem Namen Hubutopia, ein Forschungsprogramm, das zum Ziel hat, Brücken zwischen Kunst und Wissenschaft zu schaffen.

Die kreative Welt Sépànd Daneshs ist reich und lebhaft, wo sich Fantasie und Erinnerung vollkommen vereinen.

Du hast ein sehr bewegtes Leben, bist vom Iran in die USA und dann nach Frankreich gezogen.
Was war der Grund, dass du angefangen hast zu zeichnen?

Ich war 13 Jahre alt, als ich mit meiner Familie nach Frankreich zog. Und da ich kein Wort Französisch sprach, fing ich an zu zeichnen. Dieses künstlerische Talent wurde von meinem Zeichenprofessor im Gymnasium sehr unterstützt. Und so wurde diese Beschäftigung sehr bald zu einer Aufstiegsmöglichkeit, und ich beschloss in eine kunstbildende Schule zu gehen.

Und du hast es sogar geschafft, an der Beaux Arts in Paris zu studieren, eine der renommiertesten Kunstunis der Welt ist. Wie waren die Studienjahre an diesem namhaften Ort? 

Nach einem Produktdesignstudium an der ENSAAMA Olivier de Serres in Paris hatte ich das Glück, ein Stipendium an der Beaux Arts zu bekommen und in den Meisterklassen von Professoren wie Giuseppe Penne und Philippe Cognée zu studieren. Der Rahmen, die Ruhe abgeschieden vom Pariser Mikrokosmos, die unglaubliche Bibliothek, die Nähe zum Louvre, zum Musée d’Orsay und zum Centre Pompidou haben mir in diesen fünf Studienjahren erlaubt, mich auf mein Studium zu konzentrieren und meine tiefe Leidenschaft für die Kunst zu entdecken.

Deine Bilder erinnern mich an Emile Zolas Worte: „Kunst ist ein Stück Schöpfung, gesehen durch ein Temperament.“ Siehst du eine Verbindung zwischen diesem Zitat und deinem Werk, in dem der Winkel, dieses Stück, wovon Zola spricht, das Hauptthema ist?

Marcel Proust schrieb einst:

„Ein Gemälde ist wie die Erscheinung eines Winkels einer geheimnisvollen Welt, wovon wir auch noch andere Fragmente kennen, in dem wir andere Werke desselben Künstlers betrachten. Diese Art von Begegnung passiert auch, wenn wir uns in einem Salon mit Leuten unterhalten, plötzlich aufschauen und unser Blick auf eine Malerei fällt, die wir zwar nicht kennen, aber die uns doch so vertraut erscheint, wie die Erinnerung an ein vergangenes Leben.“

Du bist übrigens ein leidenschaftlicher Fan Marcel Prousts und beobachtest auch seit langem mit einer Bessenheit, die Art und Weise wie wir Gedanken ausdrücken können. So hast du die Enzyklopädie der Fantasien entwickelt, eine Gittersystem, das mit Zeichnungen gefüllt werden kann. Sie ist eine Art Wörterbuch aber ohne Worte, in der es keine Sprachbarriere gibt und de Welt um uns und in uns beschreibt.

Ich hatte oft dieses Gefühl der Beklemmung, dieses Gefühl irgendwo steckengeblieben zu sein, in einer Kultur, in einer Sprache, in einem Land, in einer Beziehung, in einem Gedanken, in einem Körper, auf einem Planeten.

Die einzige Lösung, die ich gefunden habe, um daraus auszubrechen, ist von einer Sekunde auf die andere den Blickwinkel der gegeben Situation zu ändern, von einem Gedanken in einen anderen zu schalten, ihn zu erneuern, ein Update der Ideen, die mir durch den Kopf gehen.

Das Gittersystem habe ich schon als Jugendlicher erfunden, da ich diesen unheimlichen Drang hatte, gedanklich auszubrechen. Ich wollte jedoch das richtige System finden und durch diese Recherchen bin zu den folgenden drei Themen gekommen: die Domestizierung, die Verbindung und die Zerstreuung.

Von der Lust des Ausbrechen getrieben, fing ich an, Bilder zu malen, die Winkel darstellten. Mir war dabei diese Vertiefung der Ecke ohne Boden und ohne Decke sehr wichtig, in der wir uns eingeengt fühlen, und die uns zwingt, aus dieser hinaus zu wollen.

Seitdem beschäftige ich mich in meinem Werk intensiv mit der Frage, wie der Mensch aus seinen Lebensbedingungen ausbrechen kann.

Nicht nur drückst du deine Gedanken durch deine Malereien und Zeichnungen aus, sondern du hast auch das Konzept « Hubtopia » erfunden und organisiert Diskussionsrunden und Konferenzen, wo du Leute aus ganz verschiedenen professionellen Milieus einlädst, um auf eine wissenschaftliche Weise die sehr vielseitigen Perspektiven eines Hubs zu zeigen.
Kannst du ein bisschen mehr das Hubtopia Konzept definieren?

Hubtopia ist eine Wortneuschöpfung, die sich vom Wort « hub » ableitet (großes Verteilzentrum von Informationen) und dem altgriechischen Wort « topos », das Ort aber auch die Methode des Argumentierens bedeutet.

Dies umfasst ein Forschungsprogramm, das sich ausschließlich mit der Studie des « Hubs » beschäftigt, die in drei Formen behandelt wird: übers Internet (www.hubtopia.org), in Form von Events und auch als Verlag.

Um Hubtopia herum organisiert du auch pädagogische Workshops und Konferenzen, was einen interessanten Zuggang zu deiner Kunst schafft.
Ist es für dich wichtig, dass deine Kunst leicht zugänglich ist?

Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse sind Orte, wo sich die Menschen mehr als woanders festgesteckt fühlen. Mir war es ein Bedürfnis, diese Erfahrung und dieses Gefühl des eingeengt seins mit anderen Leuten zu teilen. So habe ich im Rahmen dieser Workshops allen Arten von Menschen (bis heute sind es ca. 900 Personen) angeboten, in diesen vorgegeben Gittern zu zeichnen.

Kunst ist für mich ein Mittel, um aus meinen Bedingungen als Mensch auszubrechen. Wenn meine Kunst das Gleiche bei anderen erweckt, möchte ich dies ihnen nicht enthalten sondern im Gegenteil es ihnen ermöglichen.

Ich wurde von einem Theaterregisseur kontaktiert, der mir vorgeschlagen hat, meine Workshops in eine Bühnenshow zu verwandeln. Mal sehen …

Neben der Malerei, spielst du auch die Oud, die persische Laute. In deinem ständigen Drang auszubrechen, ist für dich Musik auch ein Mittel, das dir hilft, dich loszulösen?

Wenn ich eine einsame Insel mitten im Ozean wäre, so wäre für mich Musik wie die Papageie in Chateaubriands « Erinnerungen von jenseits des Grabes ». In diesem Roman hören diese nicht auf, die Sprache der ausgerotteten Ureinwohner weiterhin wiederzugeben, auch wenn jene schon von den Eindringlingen getötet worden waren.

Du hast am Ende des Monats eine Soloausstellung in der Galerie Dastan in Teheran. Was hälst du von der jungen Kunstszene zeitgenössischer Künstler im Iran?

Virginia Wolf schrieb einst:
„Die größte Veränderung, die man heutzutage im Schreibstil von Schriftstellerinnen erkennen kann, ist ihre Attitude. Sie haben nicht mehr diesen Zorn in sich, ihre Texte sind keine Forderungen oder Anschuldigungen mehr. Wir nähern uns, oder sind gar schon an diesem Punkt angekommen, wo das Schreiben nicht mehr von äusserlichen Bewegungen beeinflusst wird. Frauen können sich nun ganz ihren Visionen hingeben, ohne davon abgelenkt zu werden. Deswegen sind heute Romane, die von Frauen geschrieben werden, viel interessanter als sie noch vor 100 oder sogar 50 Jahren waren.“

Ich glaube, dass die iranische Kunstszene im Iran und im Ausland, auf eine große Veränderung wartet. Diese jedoch wird nicht einfach passieren, wenn man nicht danach sucht und daran arbeitet. Man sollte endlich mit all dem Traditionellen brechen und die Trugbilder, die sie vom Westen haben, durchbrechen.

Gibt es ein Motto, das dich durch dein Leben begleitet ?

Mein Vater wiederholte mir immer wieder dieses Zitat von Berthold Brecht :

„Man redet oft von der Gewalt der Flüsse, die alles mit sich reißt, aber nie von der Gewalt an den Ufern.“

Kredit:
Portrait: Anahita Vessier
Alle anderen Fotos : Sepand Danesh
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Anahita Vessier
http://sepanddanesh.com
http://hubtopia.org

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SARAÏ DELFENDAHL, Chimaerae mirabiles

SARAÏ DELFENDAHL, Chimaerae mirabiles

Für Saraï Delfendahl gibt es keinen Unterschied zwischen Tier, Mensch, Pflanze und Materie. Sie lebt im Einklang mit der Natur und ihrer Kunst, und erschafft aus Keramik mit ihren wendigen Händen wundersame Fabelwesen zwischen Tier und Mensch. Berauscht von dieser Schöpfungsenergie könnte sie Tag und Nacht an ihren Kreationen arbeiten und vergleicht sich gerne mit einem „Betonmischer“, der ununterbrochen Einflüsse, Erinnerungen, Obsessionen und Ideen zusammenmischt.

Ihre imaginären Kreaturen scheinen aus Träumen, Albträumen … zu kommen. Wovon träumen Sie gerade?

Für mich gibt es keinen Unterschied zwischen Träumen, Tagträumen und Alltag. Es gibt auch keinen grundsätzlichen Unterschied zwischen Tier, Mensch, Pflanze, Material und Symbolik. Meine Kreaturen scheinen mir ganz „normal“ zu sein.

Woher kommt also diese sehr tiefe Verbindung zwischen Mensch, Tier und Pflanze in Ihnen?

Was ich als Kind mit meinen Eltern erlebt habe, hat zweifelsohne einen großen Einfluss auf meine Arbeit. Mein Vater, australischer Herkunft, war Ethnologe und brachte uns oft ins Musée de l’Homme in Paris, wo ich von der Kunst verschiedener Zivilisationen beeindruckt war. In diesen Kulturen, die ich auf diese Weise entdecken konnte, sind die Verbindungen zwischen Menschen, Tieren, Pflanzen und schließlich dem Universum sehr eng …

Wenn wir schon von dieser Kunst aus anderen Zivilisationen sprechen, Ihre Werke werden oft mit Art brut verglichen.

Art brut ist ein Begriff, womit man tatsächlich meine Arbeit definieren könnte.

Ich bin auch selber sehr fasziniert von den Arbeiten dieser autodidaktischen Frauen und Männer, aber es scheint richtiger zu sein, von einzigartiger Kunst zu sprechen …

Meine Arbeitsweise ist in der Tat ziemlich „einzigartig“, und ich persönlich gehöre keiner künstlerische Bewegung an.

Wenn man Sie beobachtet, spürt man dieses echte Bedürfnis nach manueller Arbeit.

Meine Mutter, die Künstlerin war, nahm mich mit zu vielen Ausstellungen. Ich bin erst ab der fünften Klasse zur Schule gegangen. Meine Mutter benutzte die Montessori-Methode, um mir Lesen und Schreiben beizubringen, und jeden Tag zeichnete und erfand ich Geschichten. Ich wurde auch von ihr in den Reichtum der Natur und alle Arten von Handarbeit eingeweiht. Sie las uns Geschichten aus aller Welt vor. Ich erinnere mich noch an die katalanischen Geschichten, die Joan Amades gesammelt hat, insbesondere die mit dem Titel “Die Tochter von Sonne und Mond”.

Meine Eltern waren intellektuell, aber auch sehr manuell: Zu Hause arbeiteten alle mit allen möglichen Materialien, wir webten, wir machten Mechanik, Elektrizität, Zimmerei, Mauerwerk, Weben, Töpfern, Gemüsefarben, Gartenarbeit …

Diese Handarbeit, die Geste, das Material, sind sehr wesentliche Elemente für einen Künstler. Brancusi sagte: „Durch das Schnitzen von Steinen entdecken Sie den Geist der Materie, Ihr eigenes Maß. Die Hand denkt und verbindet Gedanken mit Materie. … ”.
Wie fühlen Sie sich, wenn Sie der Materie, dem Unbekannten gegenüberstehen?

Wenn ich vor Materie stehe, habe ich nicht das Gefühl, vor dem Unbekannten zu stehen. Ich bin mit der Materie, ich fühle mich in Harmonie mit ihr, ich erlebe große Kraft und große Freude in dieser Metamorphose der Materie.

Ich habe selten eine vorgefasste Vorstellung davon, was ich tun werde, und wenn ich eine habe, mache ich zufällig etwas ganz anderes … Ich bin tatsächlich oft überrascht von dem, was ich gerade getan habe. Schöpfung ist ein Jubel, ich fühle viel Energie in mir, wenn ich in meinem Atelier bin, und es fällt mir schwer aufzuhören: Ich könnte Tag und Nacht arbeiten.

Francis Bacon verglich sich gerne mit einem „Betonmischer“, der alle Arten von Einflüssen, Erinnerungen usw. mischt. Dieser Begriff passt zu mir.

Und es gibt auch diese sehr mütterliche, sehr schützende Geste, die man oft in Ihren Entwürfen sehen kann. Ist für Sie Mutter sein eine Inspirationsquelle?

Ich bin Mutter von drei Kindern, und das hat einen großen Platz in meinem Leben eingenommen: Ich habe es geliebt, sie in meinen Armen zu tragen, auf sie aufzupassen, und ich habe die Darstellungen von Müttern und Kindern immer sehr gemocht, besonders die der italienischer Meister. Ich mag es zu umarmen, zu beschützen. Ich möchte viele Menschen auf der Welt schützen: Kinder, aber auch Tiere, Pflanzen usw.
Als meine Kinder klein waren, hatte ich nicht viel Zeit, um als Künstlerin in einem Atelier zu arbeiten. Dank ihnen habe ich deshalb die „Notizbücher meines fantastischen Alltags“ geschaffen, in denen sie häufig vorkommen: Es sind Sammlungen von Gemälden und Schriften. Diese Notizbücher haben es geschafft, mein Bedürfnis nach Schöpfung für einige Jahre zu befriedigen.

Was machen Sie sonst gerne, wenn Sie mal nicht die Hände in der Keramikmasse haben?

Wenn ich nicht in meinem Studio bin, habe ich viele andere Leidenschaften, eine davon ist Kochen. Ich bin ein Feinschmecker und koche schon, seit ich klein bin. Bei der Zubereitung von Gerichten fühle ich mich ein bisschen wie in meinem Studio vor einer Skulptur.

Kredit:
Fotos : Iza-Menni Laaberki
Text: Anahita Vessier
Saraï Delfendahl Instagram

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POUREA ALIMIRZAEE, Fragile Männlichkeit

POUREA ALIMIRZAEE, Fragile Männlichkeit

Noch in seinem Abschlußjahr an der Akademie der bildenden Künste in Wien, so zirkuliert der Name Pourea Alimirzaees schon unter Kunstsammlern.

Der aus dem Iran stammende Künstler beschäftigt sich in seinen Bildern ausschließlich mit dem Thema der fragilen Männlichkeit, auch als toxische Männlichkeit bekannt, und hat dafür diese Figur geschaffen, eine Gestalt zwischen Frau und Mann, die dem langhaarigen jungen Künstler sehr ähnlich schaut. Selbstportraits? „Ja, natürlich gibt es Ähnlichkeiten“, antwortet er lachend und selbstbewusst und fügt hinzu „Als Betrachter muss du dich damit auseinandersetzen, entweder es stört dich oder du fühlst dich angezogen“.

Wie ist die Kunst zu dir gekommen?

Ich habe anfangs in Teheran Computertechnik studiert, aber ich habe immer gezeichnet. Ich wusste damals einfach noch nicht, dass ich in der Kunst weitermachen werde.

Aber wie bist du nach Wien gekommen, um Kunst zu studieren?

Ich brauchte zu einem bestimmten Zeitpunkt in meinem Leben eine Veränderung, eine neue Herausforderung. Zu dieser Zeit spielte ich Bass in einer Band im Iran. Eines Tages habe ich einen Freund auf der Straße getroffen, der mir sagte, ich solle die Aufnahmeprüfung für das Wiener Konservatorium versuchen. Das habe ich auch getan … und ein paar Monate später war ich in Wien und studierte Bass am Konservatorium. Die Art und Weise, wie sie Musik unterrichteten, war mir jedoch zu konservativ. Deshalb habe ich mich 2015 bei der Akademie der bildenden Künste für figurative Malerei bei Kirsi Mikkola beworben. Und ich bin reingekommen!

In deinen Bildern gibt es immer diesen Charakter mit diesen langen Haaren in dieser Traumlandschaft …

Ja, ich arbeite gerade am Thema „toxische Männlichkeit“ oder „fragile Männlichkeit“, das sich auf bestimmte kulturelle, traditionelle und stereotype männliche Normen bezieht, die für Männer, Frauen und die Gesellschaft sehr schädlich sein können. Es wird auch die Position von Männern angesprochen, die sich weiblich verhalten, aber nicht schwul sind.

Ich habe mein ganzes Leben mit solchen Stereotypen und der Gesellschaft zu kämpfen gehabt, die dir sagen, dass du diese Rolle als „richtiger Mann“ spielen sollst.

Als ich nach Wien kam, habe ich begonnen, dieses Gefühl, das ich hatte, genauer zu erforschen und mehr über „toxische / fragile Männlichkeit“ zu erfahren. Es ist ein Trend, der vor ungefähr vier Jahren begann, also dachte ich, dass es nun tatsächlich an der Zeit sei, darüber zu sprechen.

Sind diese Porträts in deinen Gemälden in diesem Fall also Autoporträts?

Natürlich gibt es Ähnlichkeiten!
Ich habe diesen Charakter erfunden, bei dem du nicht sicher bist, ob es sich um einen Mann oder eine Frau mit langen Haaren handelt. Das lange Haar ist normalerweise ein sehr weibliches Symbol, und hier steht dieser Typ auf diesem Bild und versucht, selbstbewusst zu sein, sich selbst zu sein. Als Betrachter muss man sich damit auseinandersetzen, entweder es stört dich oder du fühlst dich angezogen.

Und als Musiker, welche Musik hörst du, wenn du malst?

Ja natürlich! Film-Soundtrack von Kurosawas „Rashomon“, immer und immer wieder. Er ist einfach wunderbar und bringt mich in eine Art spirituellen Geisteszustand.

Kredit:
Fotos : Anahita Vessier
Coverfoto : Navid Moaddeb
Text: Anahita Vessier
Pourea Alimirzaee Instagram

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A STRANGER’S HAND, Gideon Rubin im Gespräch mit Roman Hossein Khonsari

A STRANGER’S HAND, Gideon Rubin im Gespräch mit Roman Hossein Khonsari

„Das Gesicht nimmt in Beschlag und zeigt sich: zwischen Transzendenz und der Sichtbarkeit/Unsichtbarkeit (…). Der Nächste, der mich in Beschlag nimmt, ist schon Gesicht, vergleichbar und doch auch unvergleichbar, einzigartiges Gesicht und Gesicht unter Gesichtern … “ (Emmanuel Levinas)

Von Demonstranten in Hongkong bis zu Zuschauern des Films Joker, in dem eine Revolte von einem Grimassenclown angeführt wird, wird das Gesicht zu einem wichtigen Thema für politisches und soziales Engagement, Identifikation und Anerkennung. Staaten und große Unternehmen, die Computerdaten sammeln, sind an dieser Gesichtserkennung interessiert, die einige Bürger ablehnen, für die das Abdecken ihres Gesichts mit einer Maske ein Weg ist, ihre Freiheit zu bewahren. Aber was bleibt von ihrer Identität hinter diesen verborgenen Gesichtern?

Die Projektion von Identität auf gelöschte Gesichter ist ein häufiges Thema in Gideon Rubins Arbeit sowie in der täglichen Praxis von Dr. Roman Hossein Khonsari als Kiefer- und Gesichtschirurg, der durch Unfälle oder Krankheiten verlorene Gesichter rekonstruiert.

Beide sind Handwerker gesichtsloser Erinnerungen, die außergewöhnliche manuelle Fähigkeiten beherrschen, der eine mit einem Pinsel, der andere mit einem Skalpell, und sich ständig hinter diesen Gesichtern ohne Merkmale mit der Frage nach Geschichte, Erinnerungen, Lebensspuren und Identitäten auseinandersetzen.

Dieses von Anahita Vessier entworfene und orchestrierte Gespräch zwischen dem Künstler und dem Chirurgen ist ein interdisziplinärer Austausch, der das Publikum dazu einlädt, sich im Rahmen Gideon Rubins Ausstellung „A Stranger’s Hand“ in der Galerie Karsten Greve in Paris eingehender mit der Arbeit des Künstlers zu befassen, und noch unerforschte Ecken seines künstlerischen Universums durch die von Dr. Khonsari als Wissenschaftler der Human -und Naturwissenschaften angewandte Betrachtungsweise zu entdecken.

Kredit:
Fotos: Flaminia Reposi
Video: Alban Jadas für Galerie Karsten Greve
Text : Anahita Vessier
hhttps://www.gideonrubin.com

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RANA BEGUM, Licht, Farbe und Form

RANA BEGUM, Licht, Farbe und Form

Die britisch-bangladeschische Künstlerin Rana Begum ist mit acht Jahren von Bangladesch nach England gezogen, ohne ein Wort Englisch zu sprechen. Von diesem Moment an hat sie Kunst als ihre Art der Kommunikation gewählt. Dieser ständige Drang zu kreieren hat sie zu einem der aufstrebenden Stars der internationalen Kunstszene gemacht.

Sie sagte einmal über ihre Praxis: „Das Bedürfnis zu schaffen ist immer da. Ich habe einen visuellen Weg eingeschlagen. Es ist nicht unbedingt einer, den die Leute immer verstehen, aber ich bin zufrieden damit. Auch wenn ich manchmal nicht sicher bin, wo ich genau stehe, bin ich zuversichtlich, dass mich dieser Weg irgendwohin führt. „

Wie bist du zur Kunst gekommen?

Ich kam 1985 in England an und sprach kein Wort Englisch. Als ich in die Schule kam, war es sehr schwer – ich verbrachte den größten Teil meines ersten Tages sehr gelangweilt und versuchte nicht einzuschlafen! Am nächsten Tag gab mir mein Lehrer Farbstifte und Papier. Plötzlich hatte ich eine Möglichkeit zu kommunizieren. So zeichnete ich ständig und alle meine Bilder gingen an die Wand.
Dies gab mir schon in jungen Jahren eine so positive Verbindung zur Kunst.

Künstlerin zu werden war für dich also ein ziemlicher Kampf.

Ja, ich denke das ist fair zu sagen! Sowohl weiblich als auch muslimisch zu sein bedeutete, dass ich sehr hart arbeiten musste, damit keines dieser Dinge meine Arbeit definiert oder wie sie wahrgenommen wird. Ich habe es mir allerdings nicht leicht gemacht.

Ich begann als figurative Künstlerin, das im Widerspruch zu den religiösen Überzeugungen meiner Familie stand, aber dank der Unterstützung meiner Schulleiterin und meines Onkels kamen sie vorbei. Dies ist alles Teil der Reise, die mich dorthin gebracht hat, wo ich heute bin.

Licht, Farbe und Wiederholbarkeit sind bei deiner Arbeit sehr wichtig. Gibt es einen Zusammenhang mit deiner Kindheit in Bangladesch, wo du bis zu deinem achten Lebensjahr aufgewachsen bist?

Ja, es ist ziemlich seltsam, weil ich mich lange Zeit überhaupt nicht mit meiner Erfahrung als Kind in Bangladesch verbunden gefühlt habe.

Erst als ich mich in der kognitiven analytischen Therapie befand, einem Mittel zur Wiederentdeckung von Erinnerungen, konnte ich herausfinden, warum ich als Kind in Bangladesch bestimmte Dinge tat, und wie sie später meine Arbeit beeinflussten. Ich glaube wirklich, dass Dinge aus einem bestimmten Grund passieren!

Ich habe zum Beispiel immer in die Reisfelder gestarrt, und diese Bilder sind extrem lebendig. Ich erinnere mich an die Wiederholbarkeit, das Wasser, den Wind, die Bewegung und das Licht, das auf dem Wasser reflektiert wird. Ich erinnere mich, dass mir ziemlich viel erzählt wurde, weil ich saß und starrte. Zu der Zeit weiß ich nicht, warum ich es getan habe.

Aber jetzt manifestieren sich diese Farben und Formen in meiner Arbeit, als ob sie mir als Kind irgendwie in den Sinn gekommen wären. Farben sind mir sehr wichtig. Ich bin mit Bollywood-Filmen aufgewachsen und habe ihre Lebendigkeit absolut geliebt. Meine Liebe zur Wiederholung beruht auch auf meiner religiösen Erziehung. Ich bin mit dem Lesen des Korans aufgewachsen und habe fünfmal am Tag gebetet. Die Routine des Gebets sowie die Bewegungen, die Sie beim Beten ausführen, haben diese Wiederholung ausgelöst, die meine Arbeit für immer durchdringt.

Diese drei Dinge, Farben, Licht und Form, sind wie ein Dreieck, das meine Praxis geprägt hat.

Und wie hat es sich angefühlt, 2014 als Künstlerin nach Bangladesch zurückzukehren, um auf dem Dhaka Art Summit auszustellen? Warst du nervös?

Ich war sehr nervös, es fühlte sich wie eine große Sache an! Ich wusste, dass ich eines Tages nach Bangladesch zurückkehren würde, aber ich hätte nicht gedacht, dass ich wieder ausstellen würde. Dies war ungefähr zu der Zeit, als ich in der Therapie war und weitere Kindheitserinnerungen entdeckt hatte. Es war besonders passend, dass der Auftrag darin bestand, Materialien zu verwenden, die vor Ort hergestellt wurden. Als ich aufwuchs, hatte ich eine Freundin aus der Familie, die sich um mich kümmerte und Körbe webte. Ich wollte diese Kindheitserinnerung einbeziehen, also dachte ich mir, warum ich nicht eine Struktur mit einer Korbformation schaffen sollte.

Als ich ein Kind war, ging ich am frühen Morgen in die Moschee, um den Koran zu lesen. Die Moschee selbst war sehr einfach mit einem Brunnen vor, der seitdem abgerissen wurde. Ich erinnere mich an den Raum voller Menschen, die den Koran rezitieren. Neben den Seiten, auf denen Sonnenlicht durch das Fenster spähte, waren Stimmen zu hören. Es war ein starker multisensorischer Moment von Licht und Ton. Dies wollte ich auf dem Dhaka Art Summit nachbauen, eine Erfahrung, die intensiv, aber ruhig und meditativ war.

Ein weiteres Highlight meiner Rückkehr nach Bangladesch war, dass ich Ziba von der Parasol Unit in Dhaka getroffen habe.

Diese Begegnung war eine sehr wichtige in deiner Karriere.

Ziba zu treffen war ein ganz besonderer Moment in meiner Karriere. Sie gab mir eine unglaubliche Gelegenheit, eine Einzelausstellung in der Parasol Unit in London zu haben.

Durch ihre Arbeit als Kuratorin konnte ich eine Erzählung erstellen, die mir half zu verstehen, woher meine Arbeit kommt, auf meine damalige Position zuzugreifen und mich wissen zu lassen, dass ich in die richtige Richtung gehe. Diese Show gab mir wirklich das Vertrauen, das ich brauchte.

Hälst du es als Künstlerin wichtig, Raum für Unfälle zu lassen und manchmal loszulassen?

Du mußt! Andernfalls produzieren Sie immer wieder das gleiche Material. Jeder Unfall ist etwas Besonderes und muss zu etwas anderem führen. Es könnte das kleinste Detail sein, das das nächste Kunstwerk beantwortet.

So viel von meiner Arbeit stammt aus zufälligen Begegnungen – dem Lichtspiel an einer Wand oder aus dem Experimentieren mit einem neuen Material. Ich denke, es ist wichtig, ein gewisses Maß an Neugier und Freiheit bei der Schaffung von Arbeit aufrechtzuerhalten.

Und wenn du dir ein fertiges Kunstwerk von dir ansiehst, ist es dann so, dass du mit dem Ergebnis manchmal nicht zufrieden bist?

Manchmal ja, und dann lasse ich es für eine Weile in Ruhe und werde darauf zurückkommen. Es gibt Zeiten, in denen ich die Werke nicht loslassen möchte. Für mich ist es jedoch wichtiger, dass die Arbeit nach Abschluss veröffentlicht wird und mit den Zuschauern und ihrer Umgebung interagieren kann. Da zeitliche Faktoren wie Licht in meiner Arbeit eine so entscheidende Rolle spielen, kann man nie wirklich sagen, dass eine Arbeit beendet ist, da sie je nach Tageszeit, verschiedenen Lichtdichten usw. eine Vielzahl neuer und unerwarteter Zustände annimmt. Deshalb liebe ich Kunst im öffentlichen Raum. Sie können die Grenzen überschreiten, die Sie im Studio nicht überwinden könnten.

Gibt es einen öffentlichen Ort, von dem du träumst, dort eines deiner Kunstwerke auszustellen?

Dia Art Foundation!

Und was ist mit Kooperationen?

Ich liebe es, mit Menschen aus verschiedenen Disziplinen zusammenzuarbeiten, weil es Dinge zu entdecken gibt, an die Sie vielleicht nicht gedacht haben.

Für mich ist es wichtig, offen für Gespräche und Kritik zu sein. Nur so können Sie weiter wachsen und lernen.

War es für dich immer einfach, über den Islam zu sprechen?

Das war eines der Dinge, die mir lange Zeit sehr schwer gefallen sind, weil ich nicht in eine Schublade gesteckt werden wollte, um in eine bestimmte Richtung gedrängt zu werden. Ich wollte nicht, dass mein Geschlecht, meine Religion oder meine Kultur ein Thema sind. Ich musste mich unbedingt nicht auf diese Dinge konzentrieren, und die Malerei bot mir die Freiheit, die ich brauchte. Jetzt habe ich kein Problem damit, über die Einflüsse zu sprechen.

Was ist dein erster Gedanke, wenn du an den Iran denkst?

Das ist ein Ort, an den ich gerne gehen würde … Geometrie, Farbe und leckeres Essen kommen mir in den Sinn!

Kredit:
Alle Fotos von Rana Begum in ihrem Atelier von Philip White
Coverfoto von Josh Murffit
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Anahita Vessier
https://www.ranabegum.com

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GEORGIA RUSSELL, Fenster auf ungezähmte Natur

GEORGIA RUSSELL, Fenster auf ungezähmte Natur

Georgia Russell beim Arbeiten zuzuschauen, ist einfach faszinierend, wie die aus dem schottischen Elgin stammende Künstlerin mit einem Skalpell in die von ihr bemalten Leinwände Ornamente und Streifen schneidet, die dann rhythmische dreidimensionale Formen und Bewegungen ergeben. Ihre Kreationen erinnern an die im Winde wehende Graslandschaft der Highlands mit all ihren Farben und Lichteinflüssen oder an von Pflanzen bedeckte Fenster, die Licht durchscheinen lassen und dahinter architektonische Elemente zu erahnen sind.

Georgia lebt und arbeitet heute mit ihrem Mann dem venezolanischen Maler Raul Illarramendi und ihren zwei Kindern bei Paris. Ihre beindruckenden Werke sind heute in Ausstellungen rund um die Welt zu sehen. Einige ihrer Werke befinden sich auch in Sammlungen, wie zum Beispiel in der des Centre Pompidous in Paris.

Du lebst und arbeitest in Méru, ein charmanter Ort in der Nähe von Paris. Was hat dich eigentlich dazu gebracht, nach Frankreich zu ziehen, nachdem du dein Masterstudium am Royal Collage of Art beendet hattest?

Im Rahmen meines Masterstudiums am Royal College of Art in London, verbrachte ich Zeit in einer Künstlerresidenz an der Cité des Arts Internationale in Paris, um an meinem Projekt der Buchskulpturen zu arbeiten. Ich habe dort Recherchen betrieben, um das passende Arbeitsmaterial dafür zu finden. Deswegen war es für mich offensichtlich nach meinem Master wieder nach Frankreich zurückzukehren.

Das war schon eine Weile her! Nun bist du eine erfolgreiche Künstlerin. Was war die Inspirationsquelle deiner neuen Ausstellung, die zurzeit in der Galerie Karsten Greve in Paris gezeigt wird?

Die aktuelle Ausstellung zeigt den Sprung von meinen Werken, die hinter Plexiglas liegen, zu grossflächigen Bildern auf Leinwänden.

Ich wollte auf grossen Flächen arbeiten und sehen, wie es ist, richtige großflächige «Gemälde » zu machen.

Helen Frankenthaler, die die Vorder- und Rückseite eines Bilde verwendet hatte, hat mich dazu inspiriert sowie auch Clyfford Stills vertikale Kompositionen.

Diese großflächigen Gemälde werden fast zu Skulpturen. Du schneidest Ornamente aus oder feine Schnittlinien mit einem Skalpell hinein, die dann wieder zusammengesetzt werden, indem du mehrere Bilder miteinander verflechtest, und so ein dreidimensionaler Effekt entsteht mit außergewöhnlichen Bewegungen. Kannst du ein bisschen mehr dieses Konzept «kreativer Destruktion » beschreiben ?

Ich interessiere mich für die Hinterseite, die negative Seite von Materialen, und wie sie anders ist. Aber ich sehe das nicht als Zerstören, sondern eher wie ein Wiederaufbauen. Mich fasziniert die Idee, dass etwas seine Form geändert hat und nicht mehr zu seiner ursprünglichen Gestalt zurück kann.

Dieses Realisieren, dass es kein Zurück mehr gibt, erzeugt dann Emotionen. Diese Gefühle müssen nichts mit Verlust zu tun haben, sondern sie können auch etwas Befreiendes bewirken.

In deiner Arbeit wiederholst du immer wieder und mit grosser Präzision die gleiche Geste. Wie fühlst du dich, wenn du nach Stunden, Tage, Wochen dieses ständigen Wiederholens einer Bewegung dann mit einem Bild fertig bist ?

Diese Handbewegungen sind für mich alle sehr verschieden und gar nicht repetitiv, jeder Pinselstrich, jeder Einschnitt ist anders. Ich liebe es, total konzentriert an einer Komposition zu arbeiten. In diesen Momenten vergesse ich alles um mich herum, und alles woran ich denke sind Formen und ihre Effekte, Farbkombinationen, negativ und positiv, Vorderseite, Rückseite, Bewegungen.

Diese Bewegungen in deinen Bildern erinnern mich an eine Art Choreografie von Linien und Formen, an eine Art moderner Tanz. Ich denke besonders an die Tänzerin Isadora Duncan, die einmal sagte: « Lass nicht das Wilde in dir zähmen. » Was denkst du darüber?

Das ist ein super Zitat! Ich sollte mir das jeden Tag sagen!

Du lebst mit dem venezolanischen Künstler Raul Illarramendi zusammen. Fragst du ihn manchmal nach seinem Rat?

Ja, wenn wir Zeit haben!
Wir sind beide sehr beschäftigt und unser Tagesablauf ist sehr ausgefüllt. Aber wenn ich wirklich irgendwo hänge oder Zweifel habe, tut es immer gut, mit ihm darüber zu sprechen.

Und wenn es nun dein voller Terminkalender als Künstler und auch als Mutter erlaubt, gehst du bestimmt manchmal in Museen und Ausstellungen. Und stelle dir vor für eine Nacht im Louvre Museum eingesperrt zu sein! In welcher Abteilung würdest du die Nacht verbringen? 

Normalerweise gehe ich immer direkt zur Gemäldesammlung, aber erst kürzlich habe ich diese Gewohnheit gebrochen und bin in die Abteilung der assyrischen Ausgrabungen gegangen, wo ich auf die Schutzdämonenstatuen mit Stierkörper, Flügel und menschlichem Kopf gestossen bin, die auch Lamassu oder auch Schedu genannt werden. Ihre Geschichte und ihre Symbolik sind extrem faszinierend.

Was geht dir durch den Kopf, wenn du an den Iran denkst?

Ich denke hauptsächlich an die Künstlerin Schirin Neshat.

Kredit:
Fotos: Anahita Vessier
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Anahita Vessier

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RAUL ILLARRAMENDI, Spurenzeichner der Zeit

RAUL ILLARRAMENDI, Spurenzeichner der Zeit

Sobald man Raul Illarramendis Atelier betritt, spürt man die unglaubliche kreative Dynamik dieses venezolanischen Künstlers, der in seiner neuesten Werk zu seinen Wurzel zurückkehrt, nachdem er Venezuela vor 18 Jahren verlassen hatte. Fasziniert von den Spuren der Zeit und deren Identität, geht er in seiner derzeitigen Ausstellung „Offerings“ dem 1967 beim Erdbeben in Caracas auf den Boden gefallenen Kirchenkreuz nach. Mit extremer Genauigkeit gibt er dessen in den Asphalt verewigten Abdruck wieder und beeindruckt den Betrachter mit seinem unglaublich zeichnerischen Können, das er auf eine ungewöhnliche Weise in seinen Bundstiftgemälden anwendet.

Raul Illarramendi ist viel gereist bevor er sich bei Paris niederließ, und nun dort mit seiner Frau der schottischen Künstlerin Georgia Russell und deren Kindern lebt und arbeitet. Seine Arbeiten werden regelmäßig in Solo- und Gruppenausstellungen in Europa, Lateinamerika und in den USA gezeigt.

 

Du bist aus Venezuela, wo du Assistent des Venezuelanischen Malers Felix Perdomo in Caracas warst, bevor du dann dein Kunststudium in Evansville in den USA fortgesetzt hast. Danach bist du nach Frankreich gezogen, um an der Jean Monnet Universität in Saint Etienne zu studieren und hast dort dein Studium mit einem MA abgeschlossen. Nun lebst und arbeitest du in Méru, in einem charmanten Ort nicht weit von Paris.  

Was für eine Reise rund um die Welt getrieben von deiner Leidenschaft für die Kunst !
Was hast du auf jeder deiner Stationen als Künstler gelernt?

Auch wenn ich in all diesen Ländern immer für längere Zeit gelebt habe, glaube ich nicht viel gereist zu sein. Verstehe mich nicht falsch, natürlich habe ich viele Orte bereist, aber es war letztendlich meine Arbeit, die den Anker gelegt hat. Ich mag es, die Identität eines Ortes aufzufangen und zu verstehen, und das braucht Zeit. Für mich schauen Künstler zuerst in ihr Inneres, bevor sie dann beobachten, was aussen um sie herum passiert. In meinem Fall muss ich zuerst meine Umgebung verstehen, um kreativ sein zu können. Jeder Ortswechsel, jedes Atelier brachte mir neue Erfahrungen und hat mir Neues beigebracht, was mich zu dem Künstler gemacht hat, der ich heute bin, mit all seinen Spuren, die dieser Lebensweg hinterlassen hat.

Genau um diese Spuren des Lebens geht es auch in deiner Arbeit, Spuren und ihre Geschichte, Spuren von Staub, Schmutz, Kratzer oder Fingerabdrücken auf Wänden, Türen, oder an anderen Stellen einer urbanen Umgebung, die Leute gewöhnlich wegwischen wollen. Du aber reproduzierst sie, und gibt sie sehr detailliert auf deine Art und Weise wieder.

Ja, aber für mich ist dieses Detail genau so wichtig wie das gesamte Bild. Vielleicht ist dies auch mein Fehler, das diese technische Dominanz den Betrachter zum Detail zieht.

Was diese Einzelheiten betrifft, so repräsentieren sie eine gewisse Identität, eine Absichtlichkeit, ein Missgeschick. Jede Spur, jeder Abdruck ist Zeuge eines persönlichen Ereignisses, eines Momentes, und auch wenn in meinem Fall dies wie eine fotografisches Wiedergabe erscheint, konstruiere ich diese Ereignisse und kontrolliere diese Missgeschicke, die dann ein Ganzes ergeben.

„Bei diesen von mir zusammengestellten Kompositionen denke ich eher an Spuren der Geschichte als an die Geschichte der Spuren.“

Seit dem Beginn abstrakter Kunst, schauen Künstler genauer auf diese Flecken und Spuren, um gewollt oder ungewollt, eine Gestalt darin zu finden.

Wenn wir schon von Missgeschicken reden, so magst du kleine ungeplante Unfälle während deiner Arbeit an einem Bild, die doch absolute Konzentration erfordern ? Oder bist du eher ein absoluter Control Freak, der sich an seinem Ausgangsplan hält. 

Nein, ich kontrollieren natürlich nicht alles. Nein.

Es stimmt, dass ich gerne in meinen Bildern, was die Technik betrifft, meine Grenzen überschreite. Künstler, die es geschafft haben, die Grenzen ihres Könnens bis zum kompletten Weglassen des Gebrauchs ihrer Hände geführt haben, beeindrucken mich. Ich kenne meine Grenzen und habe gelernt, dies nicht als Hindernis sondern sogar als ein zusätzliches Arbeitsinstrument zu betrachten. Wenn man alle technischen Probleme löst, dann gibt es keine Herausforderung mehr. Und Malen ist das Lösen von Problemen.

Und wenn du manchmal keine Lösung findest, fragst du deine Frau, die schottische Künstlerin Georgia Russell, um Rat?

Ja, wir gehen durch das Atelier des anderen, um unsere Meinungen abzugeben, besonders in sehr wichtigen Arbeitsphasen, zum Bespiel kurz vor einer Ausstellung, wenn wir alles hassen und Zweifel haben. Wir sagen, was gut ist, und was eine schlechte Wahl ist. Auch wenn ich zugeben muss, dass ich derjenige von uns beiden bin, der schlechter mit Kritik umgehen kann, so fühlen wir uns beide immer stärker nach diesen Diskussionen.

Deine neueste Ausstellung, die zurzeit unter dem Titel „Offerings“ in der Galerie Karsten Greve in Köln gezeigt wird, behandelt die Spuren des vom Kirchturm gefallenen Kreuzes der Kathedrale in Caracas, das während des starken Erdbebens in 1967 passiert ist. War es für dich wichtig durch dieses Thema wieder eine Verbindung zu Venezuela Aufzugauen, das du vor 18 Jahren verlassen hast? 

Ja, die Entfernung und Zeit waren die Auslöser für diese Serie an Bildern. Wie viele meiner Themen hat sich auch dieses Projekt auf eine sehr unerwartete Weise ergeben. Die Voraussetzungen waren sehr einfach. Ein spirituelles Ereignis, das mit einem geschichtlichen verbunden ist, das wie eine symbolische Metapher zur aktuellen politischen Krise, die zurzeit in Venezuela herrscht, gesehen werden kann, sowie auch eine persönliche Verbindung und eine künstlerische Herausforderung.

„Ich habe vor zwei Jahren mit diesem Projekt angefangen, das mir in dieser Zeit sehr bedeutende Erfahrungen für das Lebens und der Geschichte gebracht hat, sowie auch wichtige Begegnungen mit Leuten und auch mit mir selbst. Dieses Projekt hat mir auf jeden Fall geholfen, wieder eine Verbindung mit meinem Geburtsort aufzubauen.“

Als ich dein Atelier besucht habe, ist mir aufgefallen, dass du, bevor du zu arbeiten anfängst, zuerst eine Schallplatte auflegst, um Musik zu machen. Ist für dich Musik wichtig beim Arbeiten ?

Ja, mir ist Musik sehr wichtig und begleitet mich überall. Wenn ich mir nicht meine Platten anhöre, dann höre ich Radio oder meine Hörbücher, die zurzeit meine einzige Literatur sind. Ich hänge sehr an meiner Schallplattensammlung, denn da ich in meiner Familie der jüngste unter den Kindern war , haben meine ältere Geschwister mir nie erlaubt, ihre Platten auch nur anzugreifen. Nun haben ich endlich meine eigenen.
In letzter Zeit höre ich gerne Isaac Sassons « Cantos Campesinos », der viele venezolanische Instrumente spielt, und Volksmusik mit traditioneller Musik mischt. Auch finde ich die türkische Band Altin Gün sehr cool, deren Musik mich richtig zum Tanzen bringt.

Was kommt dir in den Sinn, wenn du an den Iran denkst?

Meine Kenntnis über den Iran ist sehr begrenzt, aber ich denke an Rosenwasser und Safran und « Prince of Persia, das Video Game, das mich in den 90ern am meisten an den Bildschirm gefesselt hat. ich denke auch an an gute Freunde und schöne Menschen.

Auch wenn die Geschichte beider Länder sehr verschieden ist, so gibt es eine sehr feste Bindung zwischen Iran und Venezuela. Es wäre schön, wenn diese Verbindung auch über geopolitische Interessen hinausginge, und mehr ein Kulturaustausch wäre.

Iran ist ein Land, das ich sehr gerne bereisen würde.

Kredit:
Fotos: Anahita Vessier
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Anahita Vessier
Raul Illarramendi Instagram

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GIDEON RUBIN, Kunsthandwerker gesichtsloser Erinnerungen

GIDEON RUBIN, Kunsthandwerker gesichtsloser Erinnerungen

Gideon Rubin ist ein zeitgenössischer israelischer Künstler und ein aufgehender Stern der internationalen Kunstszene.

In seinen Arbeiten geht es um die Erinnerung an etwas, das an einem Punkt der Vergänglichkeit ist. Unscharfe Details und verwischte Gesichtsmerkmalen der Menschen laden den Betrachter ein, diese fehlenden Details durch ganz eigene Erinnerungen zu ersetzen. Diese Art von Dialog schafft eine sehr persönliche Beziehung zwischen Kunstwerk und Betrachter und ruft ein Gefühl der Nostalgie und Intimität hervor.

Hatte die Tatsache, dass du der Enkel des berühmten israelischen Malers Reuven Rubin bist, Einfluss auf deine Entscheidung, Maler zu werden?

Wenn ich zurückschaue, war das wohl so, aber es brauchte eine sehr lange Zeit, bis es sich herauskristallisierte.

Ich war 22 Jahre alt, als ich mit dem Malen begann und wenn man mich davor gefragt hätte, was die unwahrscheinlichste Karriere für mich wäre, hätte Kunstmaler sicher ganz oben auf der Liste gestanden, genau wegen meinem Großvater und dem Platz, den er im Kanon der israelischen Kunst einnimmt. Das Ansehen seiner Bilder war für mich jahrelang wegen seines Ruhmes im Land ein vergifteter Akt.

„Es war eben nicht eine Blume, ein Haus oder ein Portrait, es war zuerst ein Rubin.“

Als ich mich am Ende doch für die Karriere eines Malers entschied, führte genau das zu der Entscheidung, dass ich niemals zu Hause malte. Erst dann entdeckte ich viele seiner Arbeiten, seiner Befindlichkeiten, den Farbauftrag, Tonalität und wieviel davon eigentlich auch in meiner DNA war.

Am 11.September 2001 warst du in New York. Hatte diese Erfahrung Einfluß auf deine Arbeit?

Es hat mein Leben verändert, also veränderte es auch meine Arbeit. Vor 9/11 malte ich aus der Beobachtung heraus und konzentrierte mich auf Ganzkörper-Selbstportraits, für die ich Monate brauchte.

Als ich mit dem ersten möglichen Flieger von New York zurück nach London flog, fühlte ich mich, als wäre ich der Hölle entronnen. Ich war so glücklich, in London zu landen. Ich wollte die Erde küssen, aber ich konnte nicht mehr so malen, wie vorher. Ich konnte mich nicht mehr im Spiegel ansehen, also begann ich, diese kleinen Stillleben zu malen.

Anstelle eines Portraits in drei Monaten, malte ich nun drei Bilder am Tag. Es fühlte sich an, als würde ich eine große Last abladen. Als Künstler haben wir Glück, dass wir die Misere um uns herum in unseren Werken verarbeiten können.

Du bist so eine Art “Kunsthandwerker für Erinnerungen” und jedes deiner Bilder hat dieses Detail an unvollständigen oder gesichtslosen Menschen. Was ist der Grund dafür oder die Absicht dahinter?

Mehr als alles andere ist es ein Werkzeug der Abstraktion. Ich nehme das, was ich sehe, auseinander und dirigiere es an die Oberfläche des Bildes. Vereinfache es.

Als ich aufwuchs, war ich von den kleinen Figuren in den Landschaftsbildern meines Großvaters fasziniert. Einfach kleine Farbtupfer, die ein Gesicht, Körperteil oder Körper darstellten. In meinen Arbeiten versuche ich eine Balance herzustellen, zwischen dem Generellen und dem Besonderen, zwischen der Öffentlichkeit und dem Individuum. Das fasziniert mich.

Das Weglassen der Gesichter war noch mal etwas anderes. Als ich altes Spielzeug malte, reagierte ich auf Puppengesichter, die nach den vielen Jahren des Spielens verschwunden waren. Als sich meine Arbeit dann wieder auf Portraits verlagerte, merkte ich schnell, dass ich auch ohne Gesichter das beschreiben kann, was ich meine.

„Ich war und bin noch immer fasziniert davon, wie viele Informationen wir voneinander sammeln können, die sich außerhalb des Gesichtes befinden.“

Unsere Eigenheiten, Stil, wie wir uns kleiden, gehen etc. Wir ‚lesen‘ einander und jedes menschliche Portrait zuerst dem Gesicht nach, dann erst kommt alles andere. Mich interessiert die Umkehrung dieses Prozesses, zuerst kommt alles andere und dann lässt man eine Öffnung, ein Fragezeichen, eine nicht erzählte Geschichte. Für mich ist das ‚Ausradieren‘ so wichtig und positiv wie eine Markierung.

Wenn du an deinen Werken arbeitest, wie empfindest du Zeit in diesen kreativen und intensiven Momenten?

Es ist schwer, diese Momente in Worte zu fassen, besonders, wenn Worte nicht dein Ding sind und man nicht kitschig klingen will.

Aber wenn ich muss, kann ich sagen, dass ich nicht nach diesen Momenten suche. Einfach arbeiten, arbeiten. Wenn sie kommen, dann ist es großartig: man ist in Aktion und es gibt nichts anderes. Aber sobald man darüber nachdenkt oder bemerkt, dass man in dem Moment ‚drin‘ ist oder war, ist er verschwunden.

Gibt es einen Autoren, Künstler, Musiker, der deine Wahrnehmung von Kunst verändert hat oder dein Schaffen sehr beeinflusste?

Velasquez, Goya, Rembrandt, Chardin, Soutine, Guston, Manet, Bacon, Freud, Morandi, Alys, Richter, Rotheko, Matisse, Picasso, Diebenkorn, Hemingway, Kerouac, Camus, David Grossman, Primo Levy, Leonard Cohen, Bowie, Dylan, Allen, Tarantino, Almodovar, Nina Simone, da kann ich noch viele aufzählen…

Was fühlst du, wenn eins deiner Bilder fertig ist und du es ansiehst?

Enttäuschung, als ob ich es hätte besser machen können. Manchmal stimmt es, zum Glück auch manchmal nicht.

Gibt es ein Zitat oder einen Spruch, der dich im Leben begleitet?

“Inspiration existiert, aber sie muss dich bei der Arbeit finden.” (Pablo Picasso)

„Ein Intellektueller drück etwas Einfaches kompliziert aus. Ein Künstler drückt etwas Kompliziertes einfach aus.“(Charles Bukowski)

Arbeitest du mit Musik? Wer ist dein Lieblingsmusiker, den du im Moment im Studio hörst?

Das ändert sich ständig. Im Moment höre ich ein bisschen Soul von Erica Badu, Lauren Hill und meinen üblichen alten Jazz von Nina Simone, Coltrane, Miles Davis, auch ein bisschen Bowie und Leonard Cohen. Zur letzten Zeit höre ich auch mehr klassische Musik. Piano, viel Piano…

Erst kürzlich wurdest du vom Museum für Zeitgenössische Kunst Chengdu in China zu einer Gruppenausstellung eingeladen, die unter dem Titel “Die Erinnerungen dauern nur bis heute Morgen“. Diese Einladung machte es dir auch möglich, die Provinz Xinjiang zu besuchen, die Heimat der Uyghur, eine hauptsächlich muslimische ethnische Minderheit. Was war das für eine Erfahrung?

Das war etwas Bemerkenswertes, eine einmalige Erfahrung. Ich hatte besonderes Interesse daran, weil meine Frau in Xinjiang geboren wurde, in Korla und ich hatte schon viel vom Turkvolk gehört. Sie erzählte mir, dass die Menschen dort eher israelisch als chinesisch aussehen und dass ich das Essen mögen würde.

„Sie hatte in vieler Hinsicht recht und ich konnte einige Gemeinsamkeiten zwischen den Menschen in Uyghur und denen im mittleren Osten finden.“

Es war eine ganz andere Erfahrung als im restlichen China, hauptsächlich wegen den strengen Sicherheitsbestimmungen, die aus den politischen Unruhen herrühren. Das bescherte mir ein unruhiges Gefühl, wie ich zugeben muss, aber dieses riesige Gebiet hat so viel zu bieten, eine einmalige Geschichte an der Seidenstraße, die wegen des trockenen Wetters unheimlich gut erhalten ist und auch die hohen schneebedeckten Berge sind wunderschön und erinnern an die Schweizer Alpen.

Es gibt belebte Märkte, voll mit Gewürzen und wunderschönem Kunsthandwerk. Und all die hübschen eingehüllten Frauen. Es scheint alles in eine andere und magische Zeit zu gehören.

Was fällt dir zum Stichwort Iran ein?

Generell denke ich immer daran, wie gerne ich mit Iranern zusammentreffe seit ich nach NY und dann London zog. Ich finde so viele Gemeinsamkeiten und vieles, was ich mag. Als erstes denke ich an Essen und Film. A Seperation und About Elly…

Ich finde auch, dass es eine Schande ist, dass ich das Land nicht besuchen kann.

Ich sehe die Treffpunkte, den Dialog, die Kunst.

Kredit:
Portrait von Gideon Rubin: Shira Klasmer
Alle anderen Fotos: Richard Ivey
Bilder:
– „Der Junge“, 56x51cm, Öl auf Leinwand, 2011
– „ohne Titel“, 66x71cm, Öl auf Leinwand, 2012
– „Der Teich“, 200x150cm, Öl auf Leinwand, 2016
– „Klassenfoto von 1947 (Abschlußklasse)“, 12 Bilder je 25x20cm, Öl auf Leinwand, 2012
– „Die gelbe Augenbinde“, 107x102cm, Öl auf Leinwand, 2015
– „Polizisten“, 35.5×30.5cm, Öl auf Leinwand, 2015
– „ohne Titel“, 26x19cm, Gouache auf Papier, 2015
– „Sonnenuntergang“, 150x200cm, Öl auf Leinwand, 2016
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Ulrike Goldenblatt
http://www.gideonrubin.com/

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