SÉPÀND DANESH, Kunst ist ein Stück Schöpfung

SÉPÀND DANESH, Kunst ist ein Stück Schöpfung

Hartnäckig, fast schon besessen und gierig nach Wissen, bereichert der französisch-iranische Künstler Sépànd Danesh, der sich mit Leidenschaft der Malerei hingegeben hat, seine Gedankenwelt mit Literatur und Geschichte. Sépànds Faszination für den Winkel, dieses hohle Eck im Raum, das oft mit Melancholie und Nostalgie gefüllt ist, wurde zum Hauptthema seiner Bilder.

Aus seinem Drang nach Verstehen und Entdecken und seinem Interesse für das megaverbundene Netzwerk des Hubs, entstand nun auch sein neuestes Projekt unter dem Namen Hubutopia, ein Forschungsprogramm, das zum Ziel hat, Brücken zwischen Kunst und Wissenschaft zu schaffen.

Die kreative Welt Sépànd Daneshs ist reich und lebhaft, wo sich Fantasie und Erinnerung vollkommen vereinen.

Du hast ein sehr bewegtes Leben, bist vom Iran in die USA und dann nach Frankreich gezogen.
Was war der Grund, dass du angefangen hast zu zeichnen?

Ich war 13 Jahre alt, als ich mit meiner Familie nach Frankreich zog. Und da ich kein Wort Französisch sprach, fing ich an zu zeichnen. Dieses künstlerische Talent wurde von meinem Zeichenprofessor im Gymnasium sehr unterstützt. Und so wurde diese Beschäftigung sehr bald zu einer Aufstiegsmöglichkeit, und ich beschloss in eine kunstbildende Schule zu gehen.

Und du hast es sogar geschafft, an der Beaux Arts in Paris zu studieren, eine der renommiertesten Kunstunis der Welt ist. Wie waren die Studienjahre an diesem namhaften Ort? 

Nach einem Produktdesignstudium an der ENSAAMA Olivier de Serres in Paris hatte ich das Glück, ein Stipendium an der Beaux Arts zu bekommen und in den Meisterklassen von Professoren wie Giuseppe Penne und Philippe Cognée zu studieren. Der Rahmen, die Ruhe abgeschieden vom Pariser Mikrokosmos, die unglaubliche Bibliothek, die Nähe zum Louvre, zum Musée d’Orsay und zum Centre Pompidou haben mir in diesen fünf Studienjahren erlaubt, mich auf mein Studium zu konzentrieren und meine tiefe Leidenschaft für die Kunst zu entdecken.

Deine Bilder erinnern mich an Emile Zolas Worte: „Kunst ist ein Stück Schöpfung, gesehen durch ein Temperament.“ Siehst du eine Verbindung zwischen diesem Zitat und deinem Werk, in dem der Winkel, dieses Stück, wovon Zola spricht, das Hauptthema ist?

Marcel Proust schrieb einst:

„Ein Gemälde ist wie die Erscheinung eines Winkels einer geheimnisvollen Welt, wovon wir auch noch andere Fragmente kennen, in dem wir andere Werke desselben Künstlers betrachten. Diese Art von Begegnung passiert auch, wenn wir uns in einem Salon mit Leuten unterhalten, plötzlich aufschauen und unser Blick auf eine Malerei fällt, die wir zwar nicht kennen, aber die uns doch so vertraut erscheint, wie die Erinnerung an ein vergangenes Leben.“

Du bist übrigens ein leidenschaftlicher Fan Marcel Prousts und beobachtest auch seit langem mit einer Bessenheit, die Art und Weise wie wir Gedanken ausdrücken können. So hast du die Enzyklopädie der Fantasien entwickelt, eine Gittersystem, das mit Zeichnungen gefüllt werden kann. Sie ist eine Art Wörterbuch aber ohne Worte, in der es keine Sprachbarriere gibt und de Welt um uns und in uns beschreibt.

Ich hatte oft dieses Gefühl der Beklemmung, dieses Gefühl irgendwo steckengeblieben zu sein, in einer Kultur, in einer Sprache, in einem Land, in einer Beziehung, in einem Gedanken, in einem Körper, auf einem Planeten.

Die einzige Lösung, die ich gefunden habe, um daraus auszubrechen, ist von einer Sekunde auf die andere den Blickwinkel der gegeben Situation zu ändern, von einem Gedanken in einen anderen zu schalten, ihn zu erneuern, ein Update der Ideen, die mir durch den Kopf gehen.

Das Gittersystem habe ich schon als Jugendlicher erfunden, da ich diesen unheimlichen Drang hatte, gedanklich auszubrechen. Ich wollte jedoch das richtige System finden und durch diese Recherchen bin zu den folgenden drei Themen gekommen: die Domestizierung, die Verbindung und die Zerstreuung.

Von der Lust des Ausbrechen getrieben, fing ich an, Bilder zu malen, die Winkel darstellten. Mir war dabei diese Vertiefung der Ecke ohne Boden und ohne Decke sehr wichtig, in der wir uns eingeengt fühlen, und die uns zwingt, aus dieser hinaus zu wollen.

Seitdem beschäftige ich mich in meinem Werk intensiv mit der Frage, wie der Mensch aus seinen Lebensbedingungen ausbrechen kann.

Nicht nur drückst du deine Gedanken durch deine Malereien und Zeichnungen aus, sondern du hast auch das Konzept « Hubtopia » erfunden und organisiert Diskussionsrunden und Konferenzen, wo du Leute aus ganz verschiedenen professionellen Milieus einlädst, um auf eine wissenschaftliche Weise die sehr vielseitigen Perspektiven eines Hubs zu zeigen.
Kannst du ein bisschen mehr das Hubtopia Konzept definieren?

Hubtopia ist eine Wortneuschöpfung, die sich vom Wort « hub » ableitet (großes Verteilzentrum von Informationen) und dem altgriechischen Wort « topos », das Ort aber auch die Methode des Argumentierens bedeutet.

Dies umfasst ein Forschungsprogramm, das sich ausschließlich mit der Studie des « Hubs » beschäftigt, die in drei Formen behandelt wird: übers Internet (www.hubtopia.org), in Form von Events und auch als Verlag.

Um Hubtopia herum organisiert du auch pädagogische Workshops und Konferenzen, was einen interessanten Zuggang zu deiner Kunst schafft.
Ist es für dich wichtig, dass deine Kunst leicht zugänglich ist?

Schulen, Krankenhäuser, Gefängnisse sind Orte, wo sich die Menschen mehr als woanders festgesteckt fühlen. Mir war es ein Bedürfnis, diese Erfahrung und dieses Gefühl des eingeengt seins mit anderen Leuten zu teilen. So habe ich im Rahmen dieser Workshops allen Arten von Menschen (bis heute sind es ca. 900 Personen) angeboten, in diesen vorgegeben Gittern zu zeichnen.

Kunst ist für mich ein Mittel, um aus meinen Bedingungen als Mensch auszubrechen. Wenn meine Kunst das Gleiche bei anderen erweckt, möchte ich dies ihnen nicht enthalten sondern im Gegenteil es ihnen ermöglichen.

Ich wurde von einem Theaterregisseur kontaktiert, der mir vorgeschlagen hat, meine Workshops in eine Bühnenshow zu verwandeln. Mal sehen …

Du hast die Komikfigur « Der kleine Perser » erfunden, dessen Geschichte von deiner eigenen inspiriert wurde. Arbeitest du vielleicht an einer Graphic Novel, um diese Projekt mit einem grösserem Publikum zu teilen? 

Ja, ich würde gerne meine Zeichnungen als Komik veröffentlichen.
Mir macht es großen Spaß, an dieser Komikfigur zu arbeiten, die sich immer mehr weiterentwickelt je mehr ich mich mit ihr beschäftige, und in der, Realität und Fantasie sich vermischen.
Den kleinen Perser zu zeichnen, hilft mir auch, etwas Abstand von mir selbst zu nehmen und daran sogar richtigen Spaß zu haben.

Neben der Malerei, spielst du auch die Oud, die persische Laute. In deinem ständigen Drang auszubrechen, ist für dich Musik auch ein Mittel, das dir hilft, dich loszulösen?

Wenn ich eine einsame Insel mitten im Ozean wäre, so wäre für mich Musik wie die Papageie in Chateaubriands « Erinnerungen von jenseits des Grabes ». In diesem Roman hören diese nicht auf, die Sprache der ausgerotteten Ureinwohner weiterhin wiederzugeben, auch wenn jene schon von den Eindringlingen getötet worden waren.

Du hast am Ende des Monats eine Soloausstellung in der Galerie Dastan in Teheran. Was hälst du von der jungen Kunstszene zeitgenössischer Künstler im Iran?

Virginia Wolf schrieb einst:
„Die größte Veränderung, die man heutzutage im Schreibstil von Schriftstellerinnen erkennen kann, ist ihre Attitude. Sie haben nicht mehr diesen Zorn in sich, ihre Texte sind keine Forderungen oder Anschuldigungen mehr. Wir nähern uns, oder sind gar schon an diesem Punkt angekommen, wo das Schreiben nicht mehr von äusserlichen Bewegungen beeinflusst wird. Frauen können sich nun ganz ihren Visionen hingeben, ohne davon abgelenkt zu werden. Deswegen sind heute Romane, die von Frauen geschrieben werden, viel interessanter als sie noch vor 100 oder sogar 50 Jahren waren.“

Ich glaube, dass die iranische Kunstszene im Iran und im Ausland, auf eine große Veränderung wartet. Diese jedoch wird nicht einfach passieren, wenn man nicht danach sucht und daran arbeitet. Man sollte endlich mit all dem Traditionellen brechen und die Trugbilder, die sie vom Westen haben, durchbrechen.

Gibt es ein Motto, das dich durch dein Leben begleitet ?

Mein Vater wiederholte mir immer wieder dieses Zitat von Berthold Brecht :

„Man redet oft von der Gewalt der Flüsse, die alles mit sich reißt, aber nie von der Gewalt an den Ufern.“

Kredit:
Alle Fotos: Anahita Vessier
Text: Anahita Vessier
Übersetzung: Anahita Vessier
http://sepanddanesh.com
http://hubtopia.org

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